Brauchen wir eine Fortschreibung des Hidden Champion-Konzepts? Markenbildung für die Netzökonomie in Deutschland @WinfriedFelser

Dieses Wochenende hatte Winfried Felser Zeit und Muße, um die Autobiographie von Professor Hermann Simon zu lesen:

“Ich bin ein Fan seines ‘Hidden Champion’-Konzepts. In der Autobiographie erfahren Sie, wie eine einfache Frage des großen Ted Levitts der Ausgangspunkt für die Entdeckungsreise in Richtung Hidden Champions war.”

Nach Auffassung von Felser wurde damit eine Begriff geprägt, der ähnlich markenbildend und identitätsstiftend für unsere Art der bundesdeutschen Ökonomie wurde wie die programmatische Begriffsbildung der “Sozialen Marktwirtschaft”.

“Nun glaube ich, dass wir eine Fortschreibung dieses Konzepts für das digitale Zeitalter brauchen, um im Wettbewerb mit China und den USA zu überleben. Immer wieder sprechen mich Hidden Champions an, die sich damit beschäftigen. Wie sieht der ‘nächste Akt’ für Hidden Champions aus? Tragen die bisherigen Erfolgsmuster in Zukunft noch oder brauchen wir weitere Erfolgsmuster, wenn disruptive Technologien, monopolistische Marktplätze oder 3D-Druck-Farmen unsere Champions bedrängen?”, so Felser in seiner Sonntagsansprache.

Folgende Baustelle sieht der Next Act-Organisator: Wie organisiert man die Transformation von einer Exploitation- und Effizienz-Ökonomie in Richtung einer Exploration- und Innovations- sowie Kundenzentrierungs-Ökonomie. Wir müssten über die Art unserer Organisationslogik nachdenken, über Führungskonzepte, über die Neuentdeckung des Kunden und über die Neuformierung von Unternehmen. Eine weitere Effizienzoptimierung der Produktion als “Industrie 4.0” alleine reiche nicht aus, meint Felser.

Das Spannungsfeld zwischen Exploitation und Exploration sehen auch die Organisationswissenschaftler James G. March und Alfred Kieser als entscheidenden Punkt für die Weiterentwicklung von Unternehmen: Entscheider in Organisationen machen tendenziell zu wenig Erfahrungen mit Unbekanntem und zu viele überflüssige Erfahrungen mit Altbekanntem: “Sie neigen mit anderen Worten dazu, zu wenig zu lernen. Dieser systematischen Unterrepräsentation von neuen Erfahrungen liegt ein Ungleichgewicht zwischen der ‘Ausbeutung’ von bekannten Praktiken und Wissensbeständen (exploitation) und dem Erwerb neuen Wissens durch Experimentieren mit neuen Praktiken (exploration) zugrunde. March beschreibt dabei Exploration mit Begriffen wie ‘search’, ‘variation’, ‘risk taking’, ‘experimentation’, ‘play’ (wird Christoph Deeg und Roman Rackwitz erfreuen, gs), ‘flexibility’, ‘discorvery’, ‘innovation’ und Exploitation mit ‘refinement’, ‘choice’, ‘production’, ‘efficiency’, ‘selection’, ‘implementation’, ‘execution'”, so Kieser in dem gemeinsam mit Mark Ebers herausgegebenen Band “Organisationstheorien”, erschienen im Kohlhammer-Verlag.

Insofern ist Winfried Felser auf der richtigen Fährte.

Kieser plädiert für eine Balance von Exploration und Exploitation.

Er arbeitet sehr schön heraus, wie Organisationen in falsche Richtungen marschieren:

Kompetenzfallen und abergläubisches Lernen sind dabei zentrale Beschreibungen von Kieser: Überschätzung des eigenen Handelns; Verwechslung von Korrelation und Kausalität; Unterschätzung des Zufalls; Interpretationshoheit von starken Persönlichkeiten, die mehr oder weniger keinen Widerspruch dulden (Winterkorn-Syndrom, man sollte nicht Abfahren auf die Interpretationen von mächtigen Leuten in der Organisation, es muss Widerspruch möglich sein. Man braucht einen nicht machtgetränkten Begründungsdiskurs, um zu guten Schlussfolgerungen zu gelangen, gs); Lernen aus zweiter Hand: Manager imitieren Praktiken von externen Persönlichkeiten, die besonders erfolgreich zu sein scheinen – der Schein kann aber trügen, etwa bei den Erfolgsrezepten der 50 besten Unternehmen der Welt. Berühmtestes Werk: In Search of Excellence von Tom Peters und Robert H. Waterman. Peters habe in einem Aufsatz zugegeben, dass diese Daten schlichtweg gefälscht wurden, so Kieser. Diese Erfolgsrezept-Managementliteratur ist der Nährboden für abergläubisches Lernen.

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