Wie Freelancer mit Software überwacht werden – “Optimierungsmethoden” im digitalen Hamsterrad

Nachdem in den vergangenen Monaten über Uber und deren Verwendung von Software zur Steuerung des Einsatzes der Fahrer diskutiert worden sei, rücken nun vergleichbare Praktiken anderer Freelancer-Plattformen wie beispielsweise Upwork ins Zentrum einer kritischen Debatte über die Übergriffigkeit von Software, schreibt Ole Wintermann auf piqd.

“So ist es in diesem Fall die Anwendung ‘Work Diary’, die Freelancern empfohlen wird, wenn sie sich bei Upwork registrieren.”

Es hat das Ziel, die Produktivität der Freelancer durch Protokollierung der Tastenanschläge und regelmäßige Screenshots zu “messen”.

“Wenn das Überwachungsprogramm 10 Minuten keine Aktivität messen kann, wird der Status des Freelancers automatisch auf ‘inaktiv’ gestellt, so dass er für diesen Zeitraum keine Honorare verlangen kann. Upwork begründet den Einsatz des Tools damit, dass den Auftraggebern erstens glaubwürdig vermittelt werden kann, dass der Auftragnehmer ‘produktiv’ war. Zweitens dienen die ‘Messergebnisse’ Upwork dazu, mit einer Zahlung an den Auftragnehmer einzuspringen, wenn der Auftraggeber eine Zahlung verweigert. Heruntergeladen können die Messergebnisse allerdings nur durch den Auftraggeber und nicht den Auftragnehmer”, so Wintermann.

Das Tool werde von den Freelancern unterschiedlich beurteilt.

“Während die einen darin die Möglichkeit sehen nachzuweisen, dass sie tatsächlich gearbeitet haben, sehen die anderen dies als unnötiges Überwachungstool, das natürlich in keiner Weise dazu geeignet ist, Produktivität oder Kreativität zu messen.”

Ich halte das für einen Schritt ins digitale Hamsterrad. Vergleichbar mit der Software von Workday, die immer mehr Aufgaben des Personalwesens übernimmt.

“Die Daten werden von Workday so konsequent verarbeitet, wie es kaum ein anderes Unternehmen macht. Algorithmen zeichnen nicht nur auf und zeigen an, wer wann und wo etwas tut oder es lässt, sondern auch, was Arbeiter in Zukunft vielleicht tun werden”, führt die FAZ aus.

Kein Wunder, dass Controlling-Freak Jeff Bezos früh an diesen Ansatz glaubte. 2011 hatte der Amazon-Chef 85 Millionen Dollar in Workday investiert.

“Von Amazon ist allerdings auch überliefert, dass es besonders gerne die Arbeit seiner Mitarbeiter überwacht, kaum ein Unternehmen stand wegen der starken Kontrolle mittels Daten so häufig in der Kritik wie der Online-Händler”, so die FAZ.

Dahinter steckt die Sehnsucht nach dem digitalen Fließband im Büro. Johannes Böhme hat das in der Zeitschrift brandeins aufs Korn genommen und bezieht sich dabei auf eine Studie des Soziologen Andreas Boes:

„Die Arbeit im Büro ähnele immer mehr der Arbeit in der Fabrik: Kleine, standardisierte Arbeitsschritte würden unter Zeitdruck wie an einem ‚digitalen Fließband‘ am Computer abgearbeitet und von Software protokolliert.“

Der „Wandel“ trage dabei verschiedene Namen wie „lean“ oder „agile“. Immer gehe es darum, die Arbeit in den Büros schneller, besser und effizienter zu machen. „Lean“ sei vor allem ein Mittel, um aus den Leuten mehr rauszuholen, so Bettina Seibold vom Institut für Medienforschung und Urbanistik in Stuttgart.

„Jeden Tag treffen sich die Mitarbeiter vor einer Tafel, auf der ihre Arbeit in verschiedenen Farben abgebildet wird. Jeder muss kurz sagen, wie es bei ihm steht, und dann wird das übersetzt in Rot oder Grün. Rot heißt, dass Deadlines nicht eingehalten, Kosten überschritten, Probleme nicht gelöst werden“, schreibt Böhme.

Das wird natürlich alles bestritten in der Beraterszene – man würde die Begriffe falsch verwenden oder nicht verstehen. Es geht aber nicht um Begriffe, sondern um reale Anwendungen.

Es werden Links verlangt.

Na dann:

10 Minuten für eine E-Mail, 30 für eine Rechnung – der bandeins-Beitrag passt sehr wohl zur Geschichte, die Ole Wintermann vorstellt.

Komplettes Buch entdeckt: ARBEIT TRANSFORMIEREN!

Veröffentlichungen des IMU-Instituts.

Andreas Boes und die „Industrialisierung der Kopfarbeit“

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