Hertha-Fan erhofft sich Roboter-Journalismus (nicht nur) im Amateur-Fußball

Naht das Ende der Redaktion, fragt CIO-Kurator Stefan Pfeiffer mit Verweis auf einen Handelskraft-Artikel von Franziska Kunz. “Im Beitrag wird eine Spielzusammenfassung von Hertha BSC – RB Leipzig zitiert, automatisch durch eine Software generiert. Und nicht nur die Redaktion Handelskraft stellt sich da die Frage, ob das Ende ihrer Redaktion naht. Auch wir auf CIOKurator, die ja den Anspruch haben für den CIO and andere IT-Interessierte, relevante Informationen zu selektieren und zu kommentieren, kriegen da kalte Füße? Sogar Hertha-Fan Gunnar Sohn, nicht nur, wenn er den Spielbericht liest?”

Nun, der Hertha-Fan sieht das entspannt. Es wäre ja schön, wenn man vernünftige Spielzusammenfassungen via KI-Anwendungen erhalten könnte. Beispielsweise im Amateur-Fußball. Als C- und B-Jugendtrainer hätte ich das sehr begrüßt. Das wäre für die Lokalberichterstattung ein Schritt nach vorne. Faktisch passiert in Redaktionen so gut wie nichts:

„Die großen Medienhäuser liegen in den Händen einiger Eigentümerfamilien. Die haben über Jahre rund 20 bis 25 Prozent Umsatzrendite gescheffelt. Hocken auf hunderten Millionen Euro Kapital. Wenn es darum geht, 50.000 Euro in die Hand zu nehmen, um ein agiles Projekt zu starten, dann wendest Du Dich an Deinen Vorgesetzten, an Deinen Verleger oder Chefredakteur und der sagt dann, das müssten wir selbst erwirtschaften, weil die Verlegerfamilie nichts zurück investiert.“

Wer soll also neue Projekte bezahlen? „Fangen wir doch mal an, die Leute, die seit 30 oder 40 Jahren Gelder aus den Häusern gezogen haben, zu bitten, wieder zu reinvestieren“, fordert Alkan. Die Verlegerfamilien sollten wieder etwas zurückgeben und mehr Experimente wagen.

„Die erste Digitalisierungswelle wurde ausgesessen. Vielleicht sollte man bei der zweiten Welle etwas tun und dazu gehört eben auch Geld.“

Konkurrenz bekommen die etablierten Medien zunehmend von branchenfremden Unternehmen, die beim Content Marketing und bei Broadcasting-Einheiten im Verbund mit Big Data-Programmen und Künstlicher Intelligenz kräftig zulegen. Könnten Daimler, Telekom und Co. die Verlage überholen? Dieser Zug sei schon längst abgefahren, so Alkan. Es gebe sogar erste Sportverbände, die ihre Nachrichten selbst produzieren, weil sie in der Presse zu wenig vorkommen.

„Die erteilen Journalisten sogar schon Haus- oder Platzverbote, um die Exklusivität ihres Contents zu bewahren. Dazu kommen Content Marketer, die mit einem riesigen Druck Service-Themen aufarbeiten. Beispielsweise über die Qualität von Badeseen in Deutschland. Da gibt es Anbieter, die diese Informationen aus öffentlicher Hand nehmen und in einfache Lückentexte einbauen. Wenn ich dann Informationen über die Wasserqualität des nächstgelegenen Badesees suche, poppt nicht mehr meine Tageszeitung auf, die das Thema gar nicht aufgreift, weil es zu teuer und zu schwierig ist, sondern irgend ein Content Marketer, der mit einer Automatisierung nützliche Informationen vermittelt und dadurch Werbeeinnahmen über Google generiert“, erläutert Alkan in Köln.

Da entstehe eine Befähigung selbst für kleine Unternehmen oder Verbände, Content in großen Mengen zu produzieren. Das führe zu einer Veränderung im Rollenverhältnis zu Journalisten, die dann für solche Berichte nicht mehr notwendig sind.

Wir könnten uns dann verstärkt um Themen bemühen, die eine intensive Recherche verlangen. Etwa die Frage, warum Hertha BSC Probleme mit der Verkauf des TK-Unternehmens o.tel.o an Mannesmann Arcor hatte. Diese Story hätte auch Watson nicht zustande gebracht. Der Hertha-Fan berichtete darüber im Tagesspiegel (das war übrigens mein erster und einziger Ausflug in den Sportjournalismus) 🙂

Heute kann ich es ja verraten. Als früherer Mitarbeiter von o.tel.o informierten mich ehemalige Kollegen über die Absicht von Arcor, als Sponsor bei Hertha kurzfristig auszusteigen. Mit dieser Info bin ich dann zur Arcor-PK nach Düsseldorf gefahren. Whistleblowing werden KI-Maschinen wohl auch nicht so ganz beherrschen oder?

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