DFKI-Chef Wahlster: @th_sattelberger sollte eine KI-Deutschlandtour machen

Sind wir in Deutschland nun so schlecht in der Forschung und Anwendung von Künstlicher Intelligenz, wie es FDP-Bundestagsabgeordneter Thomas Sattelberger und nun auch Stefan Heumann von der Stiftung Neue Verantwortung insinuieren?

Auf der Kölner Konferenz #NextAct äußerte sich Sattelberger kritisch über die Leistungen des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI): Die besten KI-Forscher würden abwandern und landen bei internationalen Konzernen. Zudem möge man sich mal die Zahl der Ausgründungen anschauen, die aus dem DFKI in den vergangenen zehn Jahren gekommen sind.

“Das ist eine vernachlässigbare Größe. Skaliert hat keine einzige”, moniert Sattelberger.

Das seien Forschungseinrichtungen, wo das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse vor dem Verwertungsinteresse dominiert.

“Forschung soll nicht nur verwertungsorientiert sein. Wir brauchen eine vernünftige Balance zwischen zitiert werden in A+ Journals und dem gesellschaftlichen Nutzen”, fordert der forschungs- und innovationspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.‏

Ob man die Qualität der Forschung an der Veröffentlichung von hoch gerankten Journalen messen kann, halte ich doch für sehr fragwürdig. Noch fragwürdiger ist es allerdings, die Stärken der KI-Forschung in Deutschland schlichtweg zu ignorieren. Allein das DFKI kann sich vor Aufträgen aus dem staatlichen und industriellen Sektor kaum noch retten, wie DFKI-Chef Professor Wolfgang Wahlster im Live-Talk auf der Cebit ausführte. Die Kritik von Sattelberger sei nicht nachvollziehbar, so Wahlster.

“Er ist ja nicht der absolute Spezialist für KI und war doch eher für Personalpolitik zuständig. Ich kenne ihn nicht als KI-Experten. Das soll er mal gründlicher anschauen. Wir haben 80 Spin-Off-Firmen generiert. Wir haben Firmenwerte von über einer Milliarde Euro generiert. Wir haben gerade in den vergangenen zwei Jahren Firmen für über 100 Millionen Euro verkauft. Das ist nun wirklich ein Witz, was Thomas Sattelberger behauptet. Da müsste er etwas genauer recherchieren”, so die Replik von Wahlster.

Das DFKI habe allerdings auch Forschungsaufgaben.

“Wir bilden die nächste Generation von Hochschullehrern aus und bringen KI-Talente hervor. 96 Professoren für KI, die in Deutschland tätig sind, wurden bei uns ausgebildet”, betont der DFKI-Chef.

Man sollte bei der Beurteilung der Forschungsarbeit nicht nur auf Spin-Off-Firmen schauen. Auch die etablierten Unternehmen in Deutschland würden die Relevanz der KI erkennen und sich erfolgreich innovieren. Etwa Bosch und Siemens, denen das in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder gelungen sei.

“In den USA sind viele große Unternehmen den Abgrund runter gestürzt. Man hat dort zwar erfolgreiche Spin-Offs, es werden in der Öffentlichkeit allerdings immer die gleichen Beispiele genannt. Siemens, Bosch und andere Unternehmen in unserem Land waren und sind über Generationen hinweg Flaggschiffe. Das muss man erst einmal können. Diese Unternehmen haben KI-Abteilungen errichtet und setzen lernende Systeme bis in die Produktentwicklung ein”, erläutert Wahlster.

Thomas Sattelberger sollte eine Deutschlandtour machen und sich diese Anwendungen anschauen. Wahlster würde ihn dabei begleiten.

Der Blick in die USA hilft nicht immer weiter.

“IBM gibt es in Deutschland seit mehr als 100 Jahren. Ich leite ein Entwicklungslabor in Böblingen mit rund 1.700 Mitarbeitern. Wir beschäftigen uns intensiv mit KI. Es passiert sehr viel in Deutschland”, bestätigt Dirk Wittkopp, Geschäftsführer der IBM Deutschland Research & Development GmbH.

Auch Wahlster hält von den Vergleichen mit den USA wenig. Man sei schon längst international vernetzt. Google und Co. seien Gesellschafter im DFKI. Es gebe einen regen Austausch. So komme das Team für die autonome Übersetzung bei Google aus dem DFKI.

“Man befruchtet sich gegenseitig. In Deutschland sollten wir uns auf unsere Stärken besinnen. Etwa in der Industrie. Man sollte die ‘KI-Spritze’ in die besten Produkte injizieren, sei es die Landmaschine, sei es die Werkzeugmaschine, sei es der Medizin Scanner von Siemens oder das Auto. Es bringt nichts, Google zu kopieren.”

Politisch seien auf dem KI-Gipfel im Kanzleramt die richtigen Weichen gestellt worden – etwa im Eckpunktepapier. Auf dieser Grundlage soll im Sommer ein KI-Masterplan entstehen.

“Wir sollten dabei die Stärken, die wir haben, auch international stärker herausstellen”, resümiert Wahlster.

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