Agiles Arbeiten 5 – Jenseits der populären Methoden und dennoch agil

Wir wissen ja alle, dass die schöne, neue Arbeitswelt voller neuer Wörter und Methoden ist. Wenn wir uns alleine das Realitätsuniversum Agil anschauen, dann treffen wir hier so viele Ansätze, dass man doch recht schnell die Übersicht verliert. In den letzten Beiträgen haben wir uns von der Basis für Agil über die Methoden bis hin zu den Umsetzungsmöglichkeiten für Organisationen beschäftigt. Wir haben sozusagen eine Reise von den Grundlagen zu den großen Plateaus der Umsetzungen gemacht. Dabei haben wir uns die offensichtliche Landschaft angeschaut. Was noch fehlt sind aber die kleinen Bäche und Wolken, die mit uns ziehen, die wir aber vielleicht nicht sehen und auch nicht in unserer Landschaft wahrnehmen.

Damit die Gebilde etwas klarer werden: Als Wolken sehe ich hier im Besonderen Holacracy und als kleinen Bach Working out Loud. Beide Themen haben eine gewisse Aufmerksamkeit und bringen ihren Teil in die Gesamtheit von Agil hinein. Also betrachten wir heute die Wolken und Bächen näher.

Warum habe ich die beiden Bilder Wolken und Bach gewählt? Ganz einfach, beides sind dynamische Gebilde, die sich ständig verändern und sowohl ihre Ausdehnung wie auch ihrer Erscheinung verändern. Sie sind ein Bild der Agilität, das durch Umwelt und Umgebung beeinflusst wird und sich verändert.

IMG_20180127_151955866

Eine Reise von den Grundlagen zu den großen Plateaus der Umsetzung: unsere Serie zu agilem Arbeiten

Holacracy – die Wolken über dem Land der Organisation

Warum zählt der Ansatz der Holokratie zur Agilität? Eigentlich ist die Geschichte recht einfach. Die Holokratie, die gemeinsame Organisation entlang vom sogenannten Circle, entstand als erster agiler Ansatz, der eben nicht auf die Softwareentwicklung ausgerichtet ist. Der Hauptfokus steht hier im Besonderen auf der Zusammenarbeit und Organisation von IT und Software-ferner Teams, die sich aber dennoch in Teams um Projekte organisieren.

Die Herangehensweise an dieses gesamtorganisationale System geht vor allem von der Selbstorganisation des Einzelnen aus und ermöglicht das Selbstmanagement auf der individuellen Ebene und auf Teamebene. Dabei wird die Organisation in die sogenannten Circle geordnet. Dieses Modell ist nicht zwangsweise eine Einteilung nach Spezialisierungen oder den bekannten Silos. Vielmehr geht es um thematische wie auch aufgaben- und projektbezogene Gruppierungen der Teammitglieder. Dabei wird sehr genau darauf geachtet, dass Rollen sowohl detailliert beschrieben sind, aber auch entsprechend befähigt und entscheidungsbevollmächtigt. Die Macht für Entscheidungen liegt also theoretisch immer bei demjenigen, der auch die Aufgabe und die Herausforderung direkt bearbeitet. Dabei ist die Rolle nicht an die Person gebunden, sondern ein fluides Konstrukt, dass von jedem in diesem Circle eingenommen werden kann.

IMG_20170824_184912290_HDR

Wolken und Bäche sind dynamische Gebilde, die sich ständig verändern. Deshalb sind sie ein gutes Bild für Agilität

Zeremonien und Verfassung

Der Kern dieses agilen Organisationsmodells ist die holokratische Verfassung. Dieses Dokument ist die Grundlage für das Miteinander, die Rollen, die regelmäßigen Meetings sowie die Disziplin in diesen Meetings. Ähnlich der Zeremonien in den anderen agilen Arbeitsweisen sind die Meetings. Sie beziehen sich auf die Organisation des Rahmensystems Holacracy sowie auf einzelne Projekte und Themen, die den kundenzentrischen Ansatz vorantreiben. Diese Zeremonien sind klar geregelt und noch strikter moderiert als in SCRUM. Dennoch gibt es ähnliche Rollen zur Governance der Verfassung und der Zeremonien. Auch hier gibt es eine klare Moderationsrolle für die Zeremonien und ebenso Verantwortlichkeiten für Themen, Projekte und Produkte.

Wichtig im Ansatz der Holokratie ist, dass genauso wie in SCRUM oder auch Kanban, Unstimmigkeiten und deren Beseitigung im Fokus der Handlungen steht. Alles was als Störung des Arbeits- und Entscheidungsflusses angesehen wird, wird als Tension im sogenannten taktischem Meeting angesprochen und nach einem klaren Prozess aufgelöst. Die Holokratie trennt zudem das Operative von der Organisation. Die Verbesserung und Interaktion der Teamarbeit findet in einem gesonderten Meeting statt und schaut das Organisationsmodell als solches an und wie es sich weiterentwickeln kann.

 

In Meetings wird die Verbesserung und Interaktion der Teamarbeit besprochen

Wie können wir die Holacracy einordnen?

Als gesamtorganisatorisches Modell gehört die Holokratie auf die Ebene der Skalierungsmodelle für Agilität. Dies wird jedoch nicht auf den Valuestream oder das Portfolio ausgelegt, sondern die Organisation wird als Einheit betrachtet. Die Circle sind so eingerichtet, dass durch bestimmte Rollen die Partizipation wie auch das Teilen und Mitteilen von Informationen und Wissen gezielt vorangetrieben wird. Zudem möchte die Holokratie, dass die bekannten Silos ihre Grenzen aufbrechen und sogar ganz verschwinden lassen. Betrachtet man die Holacracy, stellt man schnell fest, dass sie sich tatsächlich aus den agilen Ansätzen der Software-Entwicklung herauskristallisiert hat. Herausforderung ist jedoch, dass die Holokratie einen sehr strikten und sehr umfangreichen Kurswechsel für die Organisation bedeutet. Viele sehen das Modell der Holacracy auch für zu rigide und starr.

Holokratie bedeutet einen umfangreichen Kurswechsel für die Organisation

Working out Loud – Der Bach, der Strom, die Bewegung

Mit Working out Loud (WoL) haben wir momentan eine Bewegung nicht nur in Deutschland, sondern im gesamten internationalen Umfeld, die große Wellen schlägt. Wen man sich die Konferenzen und Treffen so anschaut, dann scheint WoL das Thema in den Unternehmen zu sein. Sicherlich liegt das auch an der typischen Filterblase. Dennoch wird diese Thematik und die dazugehörige Methode und Prinzip zu einer der tragenden Herangehensweisen für die unmittelbare Möglichkeit, das digitale wie auch das agile Mindset in alle Unternehmensbereiche und vor allem an alle Mitarbeiter zu bringen.

Das Thema ist nicht neu und viele Beiträge haben hierzu Seiten gefüllt wie etwa Agile und Working out Loud - Methoden finden sich oder auch Working out Loud für CIOs. Darin finden sich die Grundlagen und das Verständnis für Working out Loud. Doch wieso sollten wir diese Kombination aus Methode und Prinzip eben auch als agiles Setup betrachten? Auch hier ist die Antwort recht einfach. Zwar fußt Working out Loud nicht im Bereich des agilen Manifestes, aber es teilt einige seiner Grundsätze. Die Herangehensweise bzw. der Blickwinkel ist ein anderer als der der typischen agilen Methoden. Grundsätzlich wird Working out Loud aus der Ich-Perspektive gesehen, die dann die Team- und agile Perspektive ermöglicht.

Wenn wir also von Working out Loud reden, sehen wir zum einen, wie man etwas machen kann. Also wie man laut und sichtbar arbeitet. Wir bekommen aber auch mit der Circle Practice/Working out Loud Circles eine Arbeitsweise bzw. Lernweise an die Hand, die es ermöglicht, dass Working out Loud und Agil überhaupt als Mindset funktioniert.

Das Lernen dieses Mindsets findet in einer praktischen wie auch vernetzten und dennoch gesicherten Umgebung statt. Die wöchentliche Zeremonie hat eine strikten Plan und folgt einer guten Disziplin. Zudem betrachtet die Zeremonie sich immer selbst und versucht zur nächsten Zeremonie zu iterieren. Da die Circle explizit aufs Lernen ausgelegt sind, sind wir hier eher weniger in einer Team- und Arbeitsmethode als in einer sehr fokussierten Lern- und Verbesserungsumgebung.

Wohin mit Working out Loud?

Working out Loud hat eben das Potential auf der Erfahrungsebene durch praktisches Ausprobieren, die Inhalte und die Erkenntnisse für jeden einzelnen begreifbar und umsetzbar zu machen. Wenn man es vereinfacht, dann bietet WoL allen nicht-digitalen und wenig agilen Erfahrungswelten den Eintritt in diese neue Welt. Es vermittelt das notwendige Basisrauschen und zeigt die Notwendigkeiten. Sicherlich lässt sich auch ein Projektansatz hintern den Circlen finden, jedoch würde es die Methode zu sehr abstrahieren. Vor allem lebt Working out Loud durch die Erfahrung, die man als Person mit der kleinen Community macht. Für viele sind die 12 Wochen eine echte und vor allem verändernde Erfahrung, die weg von Technologie und Theorien gut zu vermitteln weis.

Und nun weiter und machen!

Nach den unterschiedlichen Betrachtungen, die wir nun bezüglich Agilität durchgegangen sind, bleibt mir nur eines zu sagen: Weiter gehen, weiterlesen und vor allem einfach machen. Mir bleibt für den nächsten Beitrag die Möglichkeit, zu zeigen, wie man beginnt, weitermacht und was wir so unter Backlog, MVP und anderen Terminologien verstehen. Teil sechs wird also das große Bild mit Agenda liefern.

Wer einen kleinen Einblick zu Working out Loud als Methode des agilen Mindsets haben möchte, dem sei der 21. Juni 2018 in Darmstadt empfohlen. Hier findet im Rahmen der DNUG auch ein kleiner Erfahrungszirkel für Working out Loud statt. Vielleicht sehen wir uns dort.

Kommentare sind sehr willkommen