Jugendliche zu faul für Netflix?

Jugendliche sind angeblich zu faul für Netflix – und wenden sich wieder dem klassischen TV zu, schreibt Jürgen Hofer, stellvertretender Chefredakteur von Horizont. Er bezieht sich auf eine Umfrage von YouGov und der Hochschule Fresenius in Hessen.

“Radioinhalte punkten durch den Kontext; das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Community verbindet Hörer und Marke. Printprodukte manifestieren ihre Daseinsberechtigung im digitalen Informationsdschungel durch Auswahl und Gewichtung der Inhalte”, so Hofer.

Der Konsument möchte Individualisierung, er will aber auch bedient werden.

“Keine mühsam zusammengetragenen Schnipsel, sondern auf ihn abgestimmte Pakete. Das kommt einer Kerneigenschaft zugute, die klassische Medien und ihre Macher seit jeher beherrschen: die Kuratierung. Das macht sie deutlich unterscheidbar zu den neuen Herausforderern von Spotify bis Netflix. Die jahrelang zur Schau getragene Kernkompetenz kann also im Kontext neuer Übertragungswege, neuer Technologien und neuer Ansprache weiterhin eine Chance sein”, resümiert Hofer.

Nun ja. Die von Hofer zitierte Studie wurde auch beim Medientag der Hochschule Fresenius in Köln präsentiert und überzeugte mich nicht wirklich. Stichwort Printmedien: Die Gesamtauflage der deutschen Tageszeitungen ist in den vergangenen zehn Jahren von über 28 Millionen auf unter 15 Millionen geschrumpft. Darauf machte der ehemalige Bild-Chefredakteur Kai Diekmann in einem hörenswerten Podcast von OMR aufmerksam. 31 Millionen Nutzer sind mittlerweile auf Facebook registriert, davon sind 21 Millionen jeden Tag aktiv.

“Die Zahl deutscher Facebook-Nutzer ist höher als die Gesamtauflage aller deutschen Tageszeitungen”, so Diekmann.

Und die Rückkehr der Jüngeren zum klassischen Fernsehen, weil sie zu faul für Netflix seien? Diesen Trend sehe ich nicht. Relevanz von Hörfunk? Nun, generell steigt wohl Audio via Podcast-Formate.

Bei einem Punkt können wir Konsens erzielen. Die steigende Relevanz der Kuratierung. Auf einen Punkt hat dabei der Internet-Vordenker Christoph Kappes hingewiesen. Da die Gesellschaft sich zunehmend ohne Massenmedien mit Meinung versorgt, müsse auch hier der Journalismus mit der Zeit besser werden: bei der Einordnung und Bewertung – begleitet von der Einspeisung von historischem, politischem und soziologischem Fachwissen. Also die Rolle des Journalisten als Kurator.

Zudem muss man an der Vielfalt der Formate arbeiten, da sich die Öffentlichkeiten immer mehr zergliedern. Aus Mikro werde Nano. Hier muss man die Theorie der öffentlichen Meinung neu schreiben.

„Daher müssen Journalisten Brücken in andere Bereiche von Öffentlichkeit bauen. Wo man sich heute heraushält, muss man hinein. Das ist eine politische Forderung“, so Kappes.

Das gilt auch für den Überschuss an Meinungen, der in sozialen Netzwerken produziert wird. Mit all seinen negativen Begleiterscheinungen – von Fake News bis zu Hassbotschaften. Auch hier könne der Journalismus mit Kuration und Verdichtung vorgehen.

„Warum nicht mal auf Meinungen im Netz beziehen und diese gegeneinander halten, nach Argumenten suchen und einen Vorschlag machen?“.

Ausführlich nachzulesen in der Juni-Ausgabe des prmagazins.

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