Mitbestimmung neu denken – Wenn Algorithmen Arbeitsanweisungen geben #HRFestival #rp18

Auf der diesjährigen re:publica war vor allem auf den Bühnen abseits des Massenandrangs für Interessierte am Thema Arbeitswelt am meisten geboten, schreibt New Management-Redakteurin Stefanie Hornung. So hat Lior Zalmanson von der Universität Haifa in Israel bei Uber analysiert, was passiert, wenn Algorithmen den Beschäftigten Arbeitsanweisungen geben. Das System “Uber Pool” kontrolliere die Fahrer und entscheide autonom, wann und wie viel sie arbeiten. Die Menschen wüssten nicht, wie Pool funktioniert und seien völlig isoliert. Es fehle an Transparenz und Kontrolle.

„Die Fahrer fühlen sich wie Roboter“, so Zalmanson.

Interessanterweise reagierten sie darauf mit Mythenbildung und Geschichtenerzählen. Gleichzeitig führe dies zu einer verstärkten Streikbereitschaft.

„Sie versuchen das System zu boykotieren und auszutricksen, um wieder menschlich zu werden.“

Das ist generell zu beobachten, wenn Menschen Manipulationsversuche spüren. Instrumente zur Verhaltenskontrolle werden über kurz oder lang bemerkt und es gibt Gegenbewegungen. Man erkennt die Absichten und verhält sich absichtsvoll anders. Wolfgang Streeck, Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, verweist auf die Hawthorne-Experimente (1924 bis 1932). Forscher wollten herausgefunden haben, dass Arbeiterinnen auch ohne Lohnerhöhung schneller und besser arbeiten, wenn man freundlich zu ihnen ist und die Wände gelb anstreicht.

„Aber nachdem sich unter den Beschäftigten herumgesprochen hatte, dass das Management mit seinen guten Worten und der gelben Farbe nur Geld sparen sollte, kam es zu Lohnforderungen und einem Streik“, führt Streeck aus.

Die Geltung derartiger Modelle und Theorien könne durch ihr Bekanntwerden schnell wieder außer Kraft gesetzt werden. Bei Algorithmen ist das allerdings alles andere als trivial.

Stefanie Hornung verweist auf Professor Stephan Kaiser von der Universität der Bundeswehr (so war die Bundeswehr ja doch vertreten auf der re:publica): „Seit fünf Jahren diskutieren wir über neue Führungsebenen. Wir haben festgestellt, dass da ein Machtvakuum eingetreten ist.“ Es sei nicht mehr eindeutig, wer die Arbeit kontrolliere und steuere. Man müsse das nicht nur analysieren, sondern auch eine Gegenmacht erzeugen und eine neue Art der Mitbestimmung mitdenken.

“Damit beschäftigte sich ein Panel des IBM HR Festivals. Katharina Heuer, die kürzlich ihren Austritt aus der DGFP-Geschäftsführung bekanntgab, sprach von einem neuen Mitbestimmungsbedürfnis der Mitarbeiter. ‘Sie wollen selbst mitreden und sind ein dritter Part auf Augenhöhe.’ Die DGFP habe einen Kodex für den Umgang mit Big Data aufgestellt. Das Problem dabei: Technologie und deren Missbrauchsmöglichkeiten werden nicht immer richtig eingeschätzt – bestes Beispiel: der aktuelle Skandal bei Facebook. ‘Wir brauchen eine neue Kompetenz: Wir müssen lernen, wie wir mit Fehlern im System umgehen und im Bedarfsfall sanktionieren'”, führt Hornung aus.

Man müsse kooperieren, aber nicht immer einer Meinung sein, meint Sven Franke von CO:X, der einen Prozess der Kulturveränderung im Expertennetzwerk der Deutschen Bahn an der Schnittstelle von Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretern begleitet. Der Weg sei allerdings ganz schön weit, solange die Mitbestimmung noch Papierakten verwende und die Angst dominiere, durch Fehler die negative Seite der Digitalisierung weiter zu verstärken.

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