Der intelligente Recruitment-Assistent: Künstliche Intelligenz im praktischen HR-Einsatz

Lange war es nun im Gespräch, wurde diskutiert und in Frage gestellt: Können computerbasierte Algorithmen wirklich die Menschenkenntnis bei Bewerbungsgesprächen ausstechen? Der Versicherungsriese Talanx, ein deutscher Spezialist für B2B-Veträge, beantwortet diese Fragen, indem sie bei ihren Bewerbungsverfahren ein computergesteuertes Telefoninterview als Vorentscheid nutzen.

Auswahlkriterium: Firmenkultur

Talanx-Vorstand Torsten Leue nennt auf CIO.de gute Gründe, weshalb sich ein solches Programm für die Versicherung lohnt: Mit 20.000 Mitarbeitern stehen Bewerbungsgespräche nahezu täglich an. Dabei ist nicht das Führen eines Gespräches mit Spitzenkandidaten zeitraubend, sondern das Aussortieren der ungeeigneten Bewerber. Und genau in diesem Prozess lässt sich Talanx von dem Algorithmus des deutschen Start Ups “Precire” helfen.

Auch IBM bietet mit Watson Talent verschiedene Lösungen für HR-Spezialisten, vom Auffinden geeigneter Kandidaten, Teamentwicklung und dem Übernehmen von Routinearbeiten. Der digitale IBM Recruitment-Assistent etwa gleicht die Fähigkeiten der Kandidaten mit anderen offenen Stellen in der Firma ab. Auf dieser Basis können ihnen auch andere passende Positionen vorschlagen werden. Erfahrungen aus der Praxis bei IBM zeigen, dass die Interaktion mit dem Chatbot von vielen Kandidaten positiv aufgenommen wird: Bewerber, die sich auf seine Fragen offen einlassen, sind überrascht über die Optionen, die sich bieten – und vertrauen auf die Empfehlungen des Chatbots.

Meiner Meinung nach liegt die Message dieses Artikels weniger in der Erklärung, wie der Algorithmus funktioniert, als darin, DASS eine große Firma einen solchen Algorithmus zur Personalauswahl nutzt beziehungsweise dies offen kommuniziert. Das ist ein Schritt nach vorne. Bisher war die Frage wer sich als erstes traut. Und meist muss ja erst einmal der erste Stein fallen, bis eine Bewegung ins Rollen kommt.

Dennoch ist die Funktionsweise des entsprechenden Algorithmus interessant, welche im Folgenden näher erläutert und kommentiert wird. Ursprünglich als Dienstleister für Call-Center und Zeitarbeitsfirmen entwickelte Precire einen Spracherkennungs-Algorithmus. Dieser hat sich so weiter entwickelt, dass er nun der Einschätzung der Persönlichkeit dient, rein über Spracherkennung am Telefon. Anhand der Wortwahl, der Ausdrucksweise und der Stimme kann sehr gut abgeschätzt werden, ob der Bewerber zu der Firmenkultur von Talanx passt. Trefferquote 90 Prozent!

Und auch hier hat natürlich die KI ihre Finger mit im Spiel

“Künstliche Intelligenz ist eine Schlüsseltechnologie der Digitalisierung, sie wird schon bald sehr viele Produkte und Dienstleistungen prägen.”

Matthias Weber vom Branchenverband Bitkom sieht in dieser Idee einen Schritt in die richtige Richtung. Besonders bei der Fachkräfte-Rekrutierung ist die Zeitersparnis enorm, bei einer Trefferquote von 90 Prozent. Das klingt wirklich sehr vielversprechend und das Auswahlverfahren scheint auch für die Bewerber fair zu bleiben. Oder sogar fairer zu werden, als es bisher ist.

Für Headhunter sei diese Erleichterung jedoch nicht bedrohlich für ihre Arbeit, da die Software unterstützen soll und nicht ersetzen. Die Aufgabenfelder der Abnehmer werden nur entsprechend verlagert und auch insgesamt wird sich die Rolle der Führungskräfte verändern. Weg von Hierarchie, hin zu Teamfähigkeit und IT-Kompetenz. Das sind doch rosige Aussichten, dank des KI-Assistenten. Das erste Unternehmen hat sich getraut, hoffentlich wird bald von vielen anderen Firmen nachgezogen.

 

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