@Viktor_MS Mit den Mitteln des Kartellrechts sei Facebook nicht beizukommen – Was sagt eigentlich das @Kartellamt dazu?

Die Informationsmacht von Facebook könne nur gebrochen werden, indem Facebook anderen Unternehmen seine gesammelten Daten anonymisiert zur Verfügung stellt, so Viktor Mayer-Schönberger vom Oxford Internet Institute im Morgenmagazin-Interview. Mit den Mitteln des Kartellrechts sei dem Konzern nicht beizukommen.

Ganz praktisch sei das Problem laut Mayer-Schönberger zu lösen, in dem “Facebook einen Teil seiner gesammelten Daten, natürlich anonymisiert, anderen Mitbewerbern, anderen am Markt, zur Verfügung stellen muss, diese Daten teilen muss, damit auch andere Mitbewerber entsprechend am Markt tätig werden können, damit die Bürgerinnen und Bürger, die Nutzer von Facebook, nicht mehr gezwungen sind, sich nur auf den Filter von Facebook zu verlassen, sondern aus der Vielfalt vieler Filter etwas auswählen können”.

Der Wissenschaftler verglich die Situation mit dem Medienmarkt, wo der Nutzer aus der Vielfalt der TV-Programmen und Zeitungen auch die Wahl habe. Auch am Versicherungsmarkt sei die Überlassung von Daten an andere Gesellschaften üblich, damit beispielsweise Risikobewertungen möglich seien. “Die Vielfalt müssen wir in den sozialen Netzwerken umsetzen können.” Die Macht von Facebook könne nur gebrochen werden, wenn es eine Vielfalt von Macht gebe, sagt Mayer-Schönberger.

Feedback-Daten-Monopolismus verhindern

Eine entscheidende und oft übersehene Rolle bei lernenden Computersystemen kommt dabei den Feedback-Daten zu, betont brandeins-Autor Thomas Ramge im Live-Gespräch.

„Je öfter und genauer ein lernendes System Rückmeldung erhält, ob es die richtige Telefonnummer herausgesucht, tatsächlich die beste Strecke berechnet oder eine Hautkrankheit auf einem Foto korrekt diagnostiziert hat, desto besser und schneller lernt es“, weiß Ramge.

Rückkopplung sei der technische Kern jeder automatischen Steuerung von Maschinen. Mit Feedback-Daten optimiere Amazon seine Empfehlungsalgorithmen und Facebook die Zusammenstellung der Posts, die ein Nutzer auf seiner Timeline sieht. Die Summe aller Feedback-Daten erziele im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz eine vergleichbare Wirkung, wie der Skaleneffekt für die Massenproduktion des Industriezeitalters und der Netzwerkeffekt für die digitale Wirtschaft der vergangenen 25 Jahre. Der Netzwerkeffekt führte die digitalen Plattformen zu Oligopolgröße.

Netzwerkeffekt heißt: Mit jedem neuen Teilnehmer werde eine Plattform attraktiver für alle, die sie nutzen. Der Feedbackeffekt der Künstlichen Intelligenz wiederum führe dazu, dass Systeme immer smarter werden. Dies hängt allerdings damit zusammen, wie viele Menschen oder Maschinen Feedback-Daten liefern.

„Innovative Newcomer werden gegen Platzhirsche der KI-getriebenen Wirtschaft nur noch in Ausnahmefällen eine Chance haben. Sich selbst verbessernde Technologie hebelt Wettbewerb aus“, betont der brandeins-Autor.

Menschen müssten eine juristische Antwort auf dieses technische Problem finden.

Pflicht zur Daten-Teilung

Seit Karl Marx wissen wir, dass im Kapitalismus die Tendenz zur Marktkonzentration und Kapitalakkumulation dominiert. Im Zeitalter von Wissen und Information kamen die Netzwerkeffekte immer stärker ins Spiel. In den vergangenen zwanzig Jahren erschufen Microsoft, Apple, Amazon, Google, Facebook auf den digitalen Märkten der westlichen Welt Oligopolstrukturen. Zum Teil sogar Quasimonopole. Das sei bereits heute höchst problematisch. Allerdings wird es dann so richtig brandgefährlich für den Wettbewerb, wenn lernende Maschinen mit Feedback-Daten immer stärker zur Wertschöpfung beitragen.

„Künstliche Intelligenz schaltet der Monopolisierung den Turbo ein, weil sich die Produkte und Dienstleistungen mit eingebauter KI mithilfe von Feedback-Daten selbst verbessern. Je öfter sie genutzt werden, je mehr Marktanteile sie erobern, desto schwerer wird ihr Vorsprung aufzuholen sein. Viktor Mayer-Schönberger und ich haben in unserem Buch ‚Das Digital’ deshalb die Einführung einer progressiven Daten-Sharing-Pflicht für die Goliaths der Datenwirtschaft gefordert“, führt Ramge aus.

Wenn digitale Unternehmen einen bestimmten Marktanteil überschreiten, müssten sie einen Teil ihrer Daten mit ihren Wettbewerbern teilen. Dies allerdings natürlich unter Beachtung des Datenschutzes und damit meist anonymisiert. Bislang gibt es wettbewerbspolitisch noch nicht viel auf diesem Sektor.

Diskutiert das Bundeskartellamt über einen drohenden Feedback-Daten-Monopolismus? Da ist mir nichts bekannt. Selbst bei den Netzwerkeffekten des Plattform-Kapitalismus haben die Wettbewerbshüter ordnungspolitisch bislang wenig zu bieten. Sie haben auch etwas spät mit dem Nachdenken in ihrem 2015 gegründeten Think Tank angefangen.

Kennt eigentlich einer diese Denkfabrik? Ramge und Mayer-Schönberger haben jedenfalls eine überfällige Debatte angestoßen, die wohl auch in den politischen Schaltzentralen angekommen ist. So viel hat Ramge mir jedenfalls verraten.

Hat das Bundeskartellamt nicht Zeit und Interesse an einem Live-Gespräch zu dieser Thematik via Skype? Würde mich freuen.

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