Datenschutz wie im 18. Jahrhundert? Über künstliche Intelligenz, Big Data und Datennutzung im Gesundheitswesen

Wichtige Kernaussage zum Einsatz von künstlicher Intelligenz (nicht nur, aber gerade) in der Medizin. Stand heute ist künstliche Intelligenz ein Assistenzsystem, das dem Arzt bei der Verarbeitung und Analyse medizinischer Daten helfen, Muster erkennen kann, die der einzelne Arzt nur schwer entdeckt. Es kann auch ein wertvolles Assistenzsystem in Gegenden sein, wo die Arztdichte und Spezialisierung deutlicher dünner ist. Wichtig und unverzichtbar ist aber das Verständnis, dass die Entscheidung im schlimmsten Fall über Leben und Tod durch den Arzt getroffen werden muss.

AI should currently be harnessed to enhance, not replace, human expertise — and certainly not in life-or-death situations. Leveraging the power of AI has the potential to benefit society tremendously in health care, on the roads — and likely in every other endeavor known to humankind. However, it is imperative that we recognize that today’s AI has its limitations and put it at the disposal of humans with that understanding in mind. AI is great at winning games, and its capabilities are growing at explosive rates. If we manage it correctly, without getting ahead of ourselves, the future of AI will be life-changing indeed.

via Can AI Be Trusted With Life-And-Death Decisions?

Bevor wir aber über den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Medizin als Assistenzsystem sprechen, müssen wir über Datennutzung und Datenschutz sprechen. Man braucht kein Prophet sein, dass das Thema Big Data und deren Analyse in der Medizin – das schiere Volumen der verfügbaren Daten nimmt zu – immer wichtiger werden wird. Befeuert wird das durch Wearables, durch Geräte, die unsere “Körperdaten” erfassen (können). Hier rollt eine Revolution auf uns zu, wie diese Geräte künftig Daten auch im Notfall an den Arzt liefern könnten. Stefan Noller – dem ich in seinen folgender Verteidigungsrede für Doro Bär nicht immer zustimme – beschreibt Möglichkeiten und weist auf die Herausforderungen hin:

in Zukunft wäre eine derart individualisierte Medizin vielleicht doch denkbar. Wenn jeder die neue Generation intelligenter Uhren tragen würde, die Werte permanent übertragen. Eigentlich könnte die eigene Medikation sogar über schlaue Algorithmen mit den Dosierungen Tausender anderer Menschen abgeglichen werden. Doch dass sich so etwas in Deutschland und der EU etablieren würde, ist unwahrscheinlich.

via Digitalisierung: Doro Bär hat recht | ZEIT ONLINE

Die Probleme vor Ort beim Arzt sind viel elementarer. Hier sprechen wir noch nicht von künstlicher Intelligenz und Big Data. Da geht es um Datenverfügbarkeit und -nutzung, wie ich selbst erfahren musste: Oft fehlt den Ärzten der durchgehende Zugang auf die Patientendaten. Datenschutzbedenken oder auch technische Hindernisse behindern den kompletten Zugriff. Eigentlich undenkbar, dass dies noch immer ein Problem ist. So was sollte lösbar sein, durch explizite Zustimmung der Patienten und technisch, ob durch Blockchain oder andere Technologien.

Auf der anderen Seite sind die Bedenken groß, wie dieser Beitrag in der FAZ (!!!) deutlich macht:

Die Unternehmen buhlen um die Masse an Informationen, die inzwischen elektronisch verfügbar sind und damit gezielt ausgewertet werden können – also um „Big Data“ aus Krankenakten, Versicherungsstatistiken und Melderegistern.

Damit wollen Konzerne nach offiziellem Bekunden die Wirksamkeit von Arzneien im Alltag ermitteln, um Therapien zu verbessern. Datenschützer aber laufen Sturm und betrachten den Trend eher als Marktforschung der Pharma-Riesen – befeuert von Technologieunternehmen mit ihren Datenbergen aus Fitness-Armbändern, -Apps und den sozialen Medien.

via Die großen Pharmaunternehmen buhlen um Patientendaten

Ist die Nutzung von Daten also wirklich nur eigennütziges Interesse der Pharma-Konzerne und IT-Konzerne? Klar, Zugriff auf Patientendaten nur zur Kommerzialisierung und zum Geld machen der Konzerne ist fragwürdig. Zugriff auf anonymisierte Daten zur oben beschriebenen Analyse und Beratung von Ärzten durch Systeme der künstlichen Intelligenz ist aber sinnvoll und wünschenswert, bei uns und insbesondere in Ländern der dritten Welt, wo man deutlich weniger Ärztedichte und dementsprechend Fachwissen vor Ort hat.

Was sollten wir daraus lernen? So einfach und wie so oft auch hier schwarz-weiß gemalt ist die Thematik Datenhoheit, Datenschutz und Datennutzung nicht. Man muss sich das genau anschauen und differenziert regeln. Dorothee Bär hat vor kurzem gesagt, der Datenschutz in Deutschland sei auf einem Stand “wie im 18. Jahrhundert”. Ich hoffe, dass dies bedeutet, dass sie die komplexe Thematik wie gerade angesprochen wirklich differenziert betrachtet und nicht mit der großen Keule in die ein oder andere Richtung um sich schlägt. Datennutzung und -schutz sind (nicht nur) in der Medizin ein wichtiges Thema in der Digitalisierung, dass die nun absehbare große Koalition angehen müsste – mit dem Blick auf Patientenschutz auf der einen und den Chancen, was durch die erwähnten Wearables und durch Big Data in Kombination mit künstlicher Intelligenz möglich werden wird, auf der anderen Seite.

Und das, was wir hier beispielhaft für die Medizin diskutieren, kann und muss für andere Branchen und Einsatzgebiete angesehen, analysiert und entschieden werden. Ich warne vor vermeintlich einfachen Antworten in die eine oder andere Richtung. Über Datennutzung und Datenschutz nachdenken und mit Verstand entstanden, darf und muss nicht heißen, Entscheidungen ewig hinauszögern. In diesem Sinne, ja, wir brauchen einen Datenschutz für das 21. Jahrhundert.

(Stefan Pfeiffer)

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