Open Source und der Staat: Es kommt [Bitte Eure Einschätzung einfügen] zusammen, was zusammen gehört

Michael Seemann hat einen lesenswerten Beitrag zu Open Source und dem Staat geschrieben. Er fordert den Staat und damit auch die neue Bundesregierung auf, (endlich) eine Allianz mit der Open Source-Bewegung zu schließen und selbst eine Plattform – basierend auf Linux und Open Source – für die öffentliche Verwaltung zu erstellen, anzubieten und einzusetzen. Gunnar Sohn hat ihn ja auch schon hier auf CIOKurator zitiert und wir das Thema u.a. am Dienstag mit Adrian Janotta live besprechen. Ihr könnt über die Facebook-Kommentarfunktion mitdiskutieren.

Michael trifft einige Aussagen, die ich hier zitieren und aus meiner Sicht kommentieren möchte, Obwohl Michael – Zitat – “die meiste Open Source Software für eine Zumutung hält”, plädiert er dafür, dass sich der Staat als Plattformanbieter und vor allem -nutzer engagiert:

Der Staat muss sich mit der Open Source Bewegung kurzschließen, um selber Plattformanbieter zu werden.

… Auf der anderen Seite glaube ich aber auch, dass Open Source, offene Standards und dezentrale/distributed Service Ansätze das Einzige sind, was die Macht kommerzieller Plattformen – wenn nicht bedrohen, aber immerhin in Schach halten können. Oder könnten.

via Vorschlag: Open Source als Plattformpolitik | ctrl+verlust

Die Argumentationskette ist eigentlich logisch:

Staaten könnten, wenn sie in Open Source investieren, eine größere Kontrolle über ihre Systeme bekommen. Sie könnten den Code für ihre Bedürfnisse anpassen, den Source Code auf Sicherheitslücken überprüfen und eigene Kompetenzen in Wartung und Weiterentwicklung aufbaue und so die direkte Abhängigkeit von Plattformanbietern (zum Beispiel Microsoft) reduzieren.

via Vorschlag: Open Source als Plattformpolitik | ctrl+verlust

Und der Staat kann einige Arbeitsplätze – also Einkaufsmacht – in die Waagschale werfen.

Denn was oft vergessen wird, ist, dass der Staat eben auch ein riesiger Konsument von Software ist und sein Benutzen oder Nichtbenutzen von Systemen ein enormes Gewicht in die Waagschale wirft.

via Vorschlag: Open Source als Plattformpolitik | ctrl+verlust

Dies würde dazu führen, dass entsprechende Software für Lösungsanbieter interessant würden und ein Netzwerkeffekt nicht nur, aber besonders für Lösungen für die öffentliche Verwaltung erzeugt werden könnte. Linux könnte – falls der Staat sich dahinter aufstellt – von einer Nerdsoftware zu einem gut benutzbaren Standard werden.

Klingt alles gut. Was spricht aber dagegen? Einige potentielle Gründe:

  • Allein auf Bundesebene kommen man auf 244 Team in 14 Ministerien, die mit digitalen Themen beschäftigt sind, wie Patrick Beuth berichtet. Und das ist nur die Bundesebene. Es fehlt die zentrale Instanz und es fehlt vor allem der zentrale Wille und die zentrale Kompetenz.
  • Nerdsoftware hat Michael Seemann Open Source genannt und da ist viel dran. Und es gibt Gründe für die Einschätzung, egal ob man nun der Henne-Ei-Argumentation von Michael folgt. Open Source erscheint derzeit als eine diffuse, nicht wirklich an einem Strang ziehende Community (vielleicht falsches Wort) von Einzelinteressen, de-fokussiert, kaum orientiert und scheinbar wenig interessiert an kommerziellem Erfolg und vielen Kunden. Hier könnte der Staat eine wichtige Rolle spielen, wenn man nicht wieder in Bürokratie und Eigeninteressen abdriftet. Viele IT-Projekte auf Bundesebene sind nicht gerade leuchtende Beispiele für effizientes Projektmanagement und innovative Lösungen. Der Staat als Plattformanbieter? Geht das?
  • Die vermeintliche Alternative – Microsoft-Software als Office-Lösung und als Betriebssystem – ist bequem. Mit dem Quasimonopolisten kann eigentlich nichts falsch machen. Eigentlich. Über  die Sicherheitsprobleme, die verloren gehende Datenhoheit und die europäische Abhängigkeit von Microsoft haben wir hier schon berichtet. Für den Einsatz von Microsoft wird man als IT Leiter und Politiker nicht gefeuert. Zumindest bis heute nicht.
  • Und natürlich kommen Gründe wie Inkompatibilität: Meine Pivot-Tabellen und Excel-Makros  funktionieren unter Libre Office nicht. Dieses Argument kenne ich nicht zu gut und es ist real. Das Controlling und Reporting vieler Unternehmen ist nicht zu selten von Excel (und ein Stück Powerpoint) abhängig. Es gab den Werbespruch XYZ runs on SAP. Für nur zu viele Unternehmen gilt aber der Satz XYZ runs on Excel (and Powerpoint). Und die machtvollsten Anwender setzen durch, dass dies so bleibt, denn sie lieben und leben von Excel-Tabellen und rechtfertigen sich in und über Powerpoint-Präsentationen. Und das gilt auch für öffentliche Verwaltungen. Klar, einige Government-Lösungen nutzen auch Makros. Nur hätte die öffentliche Verwaltung die Macht, Lösungen unter Linux durchzusetzen.

Ich lasse hier auch die auf CIOKurator besprochenen Themen wie möglicherweise der aktuelle Hackerangriff, höhere Sicherheit, Verfügbarkeit und Hoheit über den Code und andere durchaus relevante Argumente der Pro-Open Source-Befürworter weg, die eine wichtige Rolle spielen können.

Und klar, Microsoft macht auch geschickt Lobbyarbeit, wie nicht nur das Beispiel der Stadt München zeigt. Kann man dem Hersteller nicht wirklich vorwerfen. Sie wollen Geld verdienen und weitere Tausende, Zehntausende und mehr Arbeitsplätze in der öffentlichen Verwaltung ausstatten und behalten. Sie wollen einen Netzwerkeffekt vermeiden, den Linux im Government auslösen könnte. Und Microsoft schwimmt unterdessen mehr oder weniger geschickt im Open Source-Boot mit, was auch wohlwollend kolportiert wird. Vernachlässigt wird bei diesen positiven Kommentaren das gerade beschriebene ureigenste Interessen des Wirtschaftsunternehmens Microsoft. Chapeau Microsoft, Ihr macht das clever. Nur ist es nicht in deutschem (und europäischem) Interesse.

Hat Michael Seemann recht? “… die Zukunft der Staaten liegt im Open Source”.

Eure Meinung? Welche Chancen gibt es? Wo liegen die Probleme?

(Stefan Pfeiffer)

 

One comment

Kommentare sind sehr willkommen