Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz – was Wissenschaftler und Philosophen dazu sagen

Keine Smartphone-Ankündigung, schreibt die SZ am 27. Februar, kam beim Mobile World Congress in Barcelona ohne den Hinweis auf Künstliche Intelligenz aus.

Ja, das Thema „Künstliche Intelligenz“ ist in den Medien allgegenwärtig, es vergeht kaum ein Tag, in dem es nicht von Presse, Funk und Fernsehen ausgeleuchtet wird. Da geht es um Sprachassistenten und Messenger Bots, um digitale Zwillinge und Drohnen, die Auswirkung von KI auf Berufe in Medizin, Pflege oder Vertrieb und natürlich auch um Datenschutz und Datenmissbrauch.

Ist KI schon in allem, wird Teil von allem, wird alles verändern, nicht zuletzt uns selbst? Nun wird Technologie kritisch diskutiert, seit es sie gibt. Jeder weiß heute, daß Technologie ein Wandler ist, und daß bei jedem Wandel jemand auf der Strecke bleibt. Wen wundert’s also, daß wir nicht die Katze im Sack kaufen, sondern möglichst schon vorher wissen wollen, was für uns drin steckt: Chance oder Gefahr?

Ein Schlaglicht auf den Diskussionsstand in Deutschland wirft das Anfang Februar erschienene Heft „Künstliche Intelligenz“ der Zeitschrift „Aus Politik und Zeitgeschichte“.

Wie immer in ApuZ, nehmen unterschiedliche Fachleute Stellung, diesmal zu Fragen nach Nutzen und Risiken jenseits der technischen Machbarkeit, den Veränderungen, die KI in Wirtschaft, Arbeit und Alltag bewirken wird, sowie der gesellschaftlichen und politischen Steuerung dieser Entwicklungen (Anne Seibring im Editorial). Dieses weite Feld beackern Philosophen und Informatiker, Wissenschafts- und Technikjournalisten, Literaturwissenschaftler und ein Mitarbeiter im „Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag“.

Daneben lege ich eine Umfrage des Bitkom vom November zur Sicht der Deutschen auf KI: : Laut dieser Studie hält sich die Erwartung von Chance oder Gefahr aus Sicht der Deutschen genau die Waage. Chancen sehen sie etwa in der Verkehrssteuerung, der Übertragung körperlich belastender Tätigkeiten auf Maschinen, in Kundenservice, Verbrechensaufklärung oder Gesundheitsdiagnose. Was die Gefahren angeht, glauben drei Viertel der Deutschen, dass der Einsatz von KI Machtmissbrauch und Manipulation Tür und Tor öffnet, jeder Zweite fürchtet, dass KI den Menschen entmündigt oder sich die intelligenten Maschinen irgendwann gegen den Menschen richten.

Künstliche Intelligenz: Was ist heute tatsächlich machbar?

Chance und Gefahr ist auch der Grundtenor des APuZ-Heftes, die Mehrheit der Autoren wägt beides gegeneinander ab. Für mich wird’s dann besonders interessant, wenn es nicht um Science Fiction oder um diffuse Ängste geht, sondern um das tatsächlich heute Machbare. Raul Rojas etwa kennt das Thema als Spezialist für Neuronale Netze von innen heraus, der Professor arbeitet selbst auch praktisch daran, KI in Anwendungen zu übersetzen – seine fußballspielenden Roboter gewinnen Pokale, durch selbstfahrende Sammeltaxis will er Teile des Individualverkehrs überflüssig machen. Trotzdem hat er keine allzu hohe Meinung von den derzeitigen Möglichkeiten der KI:

„Es gibt gewisse bescheidene Fähigkeiten, die wir den Computern beizubringen versuchen. Es gibt ein paar brauchbare Sachen wie Gesichtserkennung am Flughafen oder Übersetzungssysteme. Das nennt sich Deep Learning – Menschen trainieren die Programme mit großen Datenmengen. Es funktioniert allerdings nur zu einem gewissen Grad.“

Rojas weiß, dass die KI-Algorithmen Big Data sammeln, aber nur mit dem Weltverständnis der Programmierer auch auswerten, „verstehen“ können. Dabei bleiben Maschinen, auch KI-unterstützte, „nützliche Fachidioten“ (Ramge) ohne „gesunden Menschenverstand“ (Eberl), denen die Fähigkeit fehle, „das große Ganze zu sehen“ (wieder Ramge). Deshalb sehen alle Autoren KI nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zum Menschen. Ich verstehe: Wird KI eingesetzt, muß der Mensch das Korrektiv bleiben. Das wussten schon 2011 Brynjolfsson und McAfee in ihrem Bestseller „Race against the machines“:

“The best chess player on the planet today is not a computer. Nor is it a human. The best chess player is a team of humans using computers. The key to winning the race is not to compete against machines but to compete with machines.”

Sieben Jahre später schreibt Thomas Ramge in APuZ:

„Der Leitgedanke hier ist: augmented decision making anstatt reine Automation. Ginni Rometty, die Vorstandsvorsitzende von IBM, sieht die Dinge so: “Was einige Leute Künstliche Intelligenz nennen, ist in Wirklichkeit eine Technologie, die unsere Fähigkeiten stärkt.“

Chance und Gefahr, das ist wohl der Stand der Diskussion. Wer mit KI arbeitet, braucht gleichermaßen Enthusiasmus und Distanz. Denn nicht bloß rhetorisch fragt Raul Rojas: „Wer trägt die Verantwortung? Natürlich die Menschen, die das System bauen!“

Autor: Dr. Jörg Grafe, Senior Advisor, DACH, Market Development, IBM

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