Konkreter über Digitalisierung berichten, werte DAX-Konzerne

Die Berichterstattung über Digitalisierung zählt in den Geschäftsberichten der DAX-Konzerne mittlerweile zu den zentralen Themen. Sie hat sich zwischen 2014 und 2016 nahezu verdoppelt. Das dokumentiert eine Studie der HTW Berlin in Zusammenarbeit mit der CEBIT. Allerdings hält nicht bei allen DAX 30-Konzernen die Umsetzung von Digital-Projekten mit den digitalen Herausforderungen Schritt. Siehe auch den ersten Bericht. In welchem Ausmaß verändert sich die Bedeutung der Digitalisierung im zeitlichen Verlauf zwischen 2014, 2015 und 2016? Und lassen sich branchenspezifische Unterschiede in Bezug auf die Digitalisierung innerhalb der Geschäftsberichterstattung der DAX-Unternehmen feststellen?

Zur Erhebung der Daten wird die Methode der qualitativen Inhaltsanalyse angewendet. Kern der Untersuchung bildet der eigens für diese Studie entwickelte „Digital Index“, der Rückschlüsse zur Wettbewerbsfähigkeit und zur digitalen Ausrichtung der Unternehmen und Branchen zulässt und zur Erstellung verschiedener Rankings dient. Als Key Findings der Untersuchung lassen sich die folgende Punkte zusammenfassen:

Hier ein paar relevante Punkte aus der Studie.

Insgesamt nimmt die Bedeutung der Digitalisierung für die DAX-Unternehmen zu Die Untersuchung zeigt, dass sowohl die Quantität als auch die Qualität der Berichterstattung zur Digitalisierung steigt. So nimmt das Vorkommen aller Keywords im Untersuchungszeitraum um fast 85 Prozent zu. Die Anzahl der relevanten Fundstellen (mit konkreten Inhalten) wächst um über 30 Prozent. Und der Digital Index (auf Basis eines Scorings der relevanten Fundstellen) steigt um fast 50 Prozent. Daraus kann abgeleitet werden, dass die Unternehmen die zukünftigen Herausforderungen sowie Chancen, die sich durch die Digitalisierung ergeben, zunehmend erkennen, ihr Handeln darauf ausrichten und stärker darüber berichten.

Über den digitalen Wandel wird jedoch noch auf einem eher geringen qualitativen und wenig zielorientierten („SMART“-) Niveau berichtet. Insgesamt werden 4904 Keywords in den 90 Geschäftsberichten gefunden, die zu 1999 Sinn-abschnitten führen. Von den 1999 Sinnabschnitten kann bei 872 Sinnabschnitten mindestens ein SMART-Kriterium (Specific, Measurable, Achievable, Relevant, Timed) nachgewiesen werden (44 Prozent), bei der Mehrheit von 1127 Sinnabschnitten (56 Prozent) ist dies jedoch nicht der Fall. Im Durchschnitt können rund zehn relevante Sinnabschnitte pro Geschäftsbericht identifiziert werden.

Alles in allem heben sich vor allem drei Unternehmen besonders ab. ProSiebenSat.1Media, Deutsche Telekom und Daimler beschreiben besonders umfangreich und konkret Digitalisierungsaktivitäten. Zur erweiterten Spitzengruppe zählen Volkswagen, SAP, Commerzbank, Adidas, Continental, Henkel und BMW, die einen überdurchschnittlichen Digital Index erzielen. Weit abgeschlagen vom Durchschnitt landen die Deutsche Börse, RWE, Vonovia, Fresenius Medical Care, Beiersdorf, HeidelbergCement und Fresenius auf den Schlussplätzen, bei denen die geringsten kommunizierten Digitalisierungsaktivitäten nachgewiesen werden.

Im Branchenvergleich zeigt sich, dass die Branchen Medien und Telekommunikation die mit Abstand höchsten Werte im Digital Index erzielen und sich damit deutlich von den anderen Branchen absetzen. Die Automobil- und IT-Branche befinden sich in der erweiterten Spitzengruppe und erreichen einen überdurchschnittlichen Digital Index. Im Mittelfeld landen die Konsumgüter-, die Finanz-, die Logistik-, die Technologie-, die Chemie- und Pharmazie- sowie die Energiebranche. Schlusslichter im Ranking sind die Immobilien-, Medizintechnik- und Rohstoffbranche.

Die Verfolger der Spitzengruppe holen auf, gleichzeitig gibt es auch eine kleine Gegenbewegung. Fast ein Drittel der Unternehmen erreicht im Untersuchungszeitraum Steigerungsraten im dreistelligen Bereich im Digital Index und holt damit zur Spitzengruppe auf. Hier können Bayer, Munich Re, HeidelbergCement, SAP, Fresenius, Merck, Thyssenkrupp, Commerzbank und Daimler genannt werden, deren Steigerungsraten überdurchschnittlich hoch sind.

Diese Unternehmen scheinen erkannt zu haben, dass sie im Bereich der Digitalisierung Handlungsbedarf haben und berichten im Jahr 2016 deutlich stärker als noch 2014.

Gleichzeitig zeigt sich auch, dass bei wenigen Unternehmen der Digital Index im Untersuchungszeitraum stark abnimmt. Besonders hohe Abnahmen können bei der Deutschen Telekom, Fresenius Medical Care, Deutsche Lufthansa, Deutsche Post, Deutsche Börse sowie Allianz festgestellt werden.

Die DAX-Unternehmen setzen ihre Schwerpunkte bei der Digitalisierung auf die Transformation der internen Unternehmensorganisation, auf neue Geschäftsmodelle und reagieren auf neue Kundenbedürfnisse Schwerpunktmäßig setzen die Unternehmen auf die Transformation der internen Unternehmensorganisation. Fast 18 Prozent der Sinnabschnitte werden mit dieser Kategorie codiert.

Beschrieben werden häufig die Veränderung unternehmensinterner Strukturen, wie die Gründung neuer Unternehmenssegmente, Veränderung von Zuständigkeiten oder neue Arbeitsmodelle wie Homeoffice oder Teamwork. Zudem befassen sich die Unternehmen mit der Transformation bestehender oder mit der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle (knapp 17 Prozent der Sinnabschnitte), die neben dem Kerngeschäft zur Generierung zusätzlicher Umsatzpotentiale dienen sollen. Außerdem reagieren die Unternehmen auf neue und veränderte Kundenbedürfnisse, die durch die Digitalisierung entstehen (10 Proeznt der Sinnabschnitte).

Empfehlungen für Praxis und Forschung: Gemäß den Erkenntnissen aus dieser Studie sollten die Digitalisierungsaktivitäten zum einen erhöht werden, zum anderen sollte die Berichterstattung darüber konkreter gestaltet werden, um die aktuellen und potentiellen Investoren über die digitale Transformation besser zu informieren. Dies trifft im besonderen Maß auf die Unternehmen zu, die im Digital Index unterdurchschnittliche oder sogar niedrige Werte erzielen.

Darüber unterhalte ich mich mit Julian Kawohl, Professor für Strategisches Management an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin. Um 9 Uhr auf Facebook. Man hört, sieht und streamt sich.

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