Telautophonische und wolkige Alltagsberater: Sprachgesteuerte Assistenzsysteme und der “Machtkampf” im Netz

Schon am Anfang des 20. Jahrhunderts war klar, dass die Bürger der drahtlosen Zeit überall mit ihrem Empfänger herumgehen werden, der irgendwo, im Hut oder anderswo angebracht und auf eine der Myriaden von Vibrationen eingestellt sein wird, mit der er gerade Verbindung sucht, so die Prognose des Wissenschaftsautors Robert Stoss, die er 1910 zu Papier brachte:

„Einerlei, wo er auch sein wird, er wird bloß den Stimm-Zeiger auf die betreffende Nummer einzustellen brauchen, die er zu sprechen wünscht, und der Gerufene wird sofort seinen Hörer vibrieren oder das Signal geben können, wobei es in seinem Belieben stehen wird, ob er hören oder die Verbindung abbrechen will.“

Wenn aber dieser Apparat erst so vervollkommnet sein werde, dass auch der gewöhnliche Sterbliche sich seiner wird bedienen können, dann werden dessen Lebensgewohnheiten dadurch noch weit mehr beeinflusst werden, als sie dies schon jetzt durch die Einführung des gewöhnlichen Telephones geworden sind. Stoss sprach von der Aufhebung von Raum und Zeit, von den Möglichkeiten der drahtlosen Verbrechensbekämpfung, einer fabelhaften Umgestaltung von Urlaubsreisen und der telautophonischen Modeberatung.

Telautophonisch agieren nunmehr sprachgesteuerte Assistenzsysteme:

Es ist die Vision eines virtuellen Concierge, möglichst in Verbindung mit einer personalisierten Computerwolke, der uns auf Schritt und Tritt begleitet, rund um die Uhr unterstützt, unsere Bedürfnisse kennt, uns informiert, an Termine erinnert, rechtzeitig aus den Betten scheucht und gekonnt an einem Stau vorbei manövriert. Vertrauenswürdige und lernfähige Assistenzsysteme konzentrieren sich auf das Wesentliche und entlasten uns von nervigen Alltagsaufgaben. Das Ziel ist es, eine Maschine zu erschaffen, die uns wirklich Arbeit abnimmt und lästiges Tastendrücken durch Sprachsteuerung ersetzt.

Das Synchronisieren der gesammelten Daten läuft mit einer personalisierten Cloud, die unabhängig von Endgeräten und Standorten erfolgt.

Es geht bei den Sprachassistenten um nicht mehr und nicht weniger als die Macht im Internet. Davon ist auch Voice-Community-Herausgeber Bernhard Steimel, Herausgeber der Voice-Community überzeugt: Internet-Suchdienste werden von Millionen Menschen genutzt und bieten sich daher besonders dafür an, in Sprache abgebildet zu werden. Dem werde sich Google nicht entziehen, im Gegenteil:

„Dafür spricht die Verpflichtung von vier Top-Voice-Managern im letzten Jahr.“

Die Suchmaschine werde mit der Etablierung der Spracherkennung in eine neue Dimension wachsen.

“Sprache wird künftig in doppelter Beziehung eine Rolle spielen: für die Erschließung neuer Suchinhalte und als neuer Zugangsweg zum Internet. Durch den Einsatz von Sprachsteuerung werden vielen Verbrauchern erstmals die Vorteile der sprachlichen Mensch-Maschine-Schnittstelle richtig bewusst. Das wird die Akzeptanz dieser Assistenzsysteme in anderen Lebensbereichen fördern“, prognostiziert Steimel.

Soweit meine Recherchen, die am 17. April 2007 in einem längeren Beitrag erschienen sind. Also vor knapp 11 Jahren 🙂

Am 27. Februar 2018 schreibt der stellvertretende Handelsblatt-Chefredakteur Sebastian Matthes von einer digitalen Zeitenwende, die durch sprachgesteuerte Assistenten ausgelöst wird, die ihre Nutzer umgeben, ihnen ständig zuhören, ohne dass sie dafür eine Taste betätigen müssen.

“Das Internet löst sich damit von der Hardware. Mal sprechen die Assistenten über eine vernetzte Box mit den Nutzern, mal über smarte Uhren und ein anderes Mal über den Bordcomputer im Auto” (siehe oben meine Aussage über die Unabhängigkeit von Endgeräten).

In dieser neuen Zeit gehe es nicht mehr so sehr um die Geräte selbst – sondern um die dahinterliegende künstliche Intelligenz (und die liegt in der personalisierten Cloud, siehe oben). Und um die sei zwischen Technologiekonzernen ein Wettstreit entbrannt.

“Deren Sprachassistenten wollen den Menschen ständig zuhören, um im richtigen Moment Fragen zu beantworten, Einkaufslisten zu füllen oder über das Wetter zu informieren. Die richtige Ausstattung vorausgesetzt, können Nutzer heute schon per Zuruf aus dem Bett ihre Kaffeemaschine anschalten, das Licht im Flur dimmen – und das Programm des Fernsehers wechseln. Am weitesten ist Amazon mit seinem Lautsprecher Echo, auf dem der digitale Assistent Alexa läuft. Google hat mit Google Home ein ähnliches Gerät im Programm, Apple den HomePod, der digitale Assistent von Microsoft heißt Cortana, und die Deutsche Telekom steigt mit Hallo Magenta in das Feld ein”, so Matthes.

Microsoft beherrschte einst das PC-Zeitalter – sei dann aber am mobilen Internet gescheitert.

“Diese Chance erkannte erst Apple, dann kamen Google und Samsung. Nun ist wieder alles offen. Einiges spricht dafür, dass nicht Apple, sondern Amazon und Google die Zeit der digitalen Assistenten in Europa und den USA dominieren werden. Grund dafür ist die unterschiedliche Philosophie der Unternehmen: Bei Apple steht der HomePod selbst, sein Design und sein Klang im Mittelpunkt, bei Amazon und Google die lernende Software. Apple verdient Geld vor allem mit Hardware. Amazon und Google verdienen Geld mit dem Wissen über ihre Nutzer. Daher sind die Boxen von Amazon auch viel billiger als der HomePod von Apple. Denn je besser Amazon seine Kunden kennt, desto passender sind die Angebote, die der Onlinehändler ihnen machen kann”, resümiert Matthes.

Google konnte bislang in den zehn Jahren seit Erscheinen meines Beitrags den Voice-Elfmeter nicht versenken. Mal schauen, ob das Spiel jetzt von Amazon gewonnen wird.

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