Unternehmen, passt besser jetzt auf Eure Kronjuwelen auf [Kommentar]

Carsten Knop hat in der FAZ vom 24. und 25. Februar zwei aus meiner Sicht sehr notwendige und wichtige Beiträge geschrieben. In “Die Jagd auf unser Digitales Ich” nimmt er auf den deutschen Unternehmer Peter Ganten Bezug, der sich für unter anderem als Vorsitzender der Open Source Business Alliance für den Einsatz quelloffener, freier Software in Unternehmen und Verwaltung einsetzt. Im Beitrag wird erläutert, wie Amazon, Google und nicht zuletzt Microsoft über ihre Cloud und ihre Plattformen unsere Daten, die Daten von Privatpersonen und auch Unternehmen für ihre Zwecke nutzen, kommerzialisieren, also Geld damit verdienen. Gerade die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz böten besagten Unternehmen neue Möglichkeiten neue Silos über ihre eigenen proprietären APIs zu schaffen, die auch nur sie wirklich im Zugriff und im Griff haben.

Ganten nimmt in dem Artikel auch explizit Bezug auf LinkedIn – bitte mal mitlesen lieber Winfried Felser und auch Du lieber Gunnar, die Ihr die Plattform als Marketingdrehscheibe gerade sehr euphorisch und blauäugig hoch-hyped – und dessen Bedeutung für Microsoft. Die Plattform sei wegen ihrer halben Milliarde Identitäten für Microsoft besonders wichtig. Digitale Identitäten seien der Dreh- und Angelpunkt und Unternehmen wie auch öffentliche Verwaltung sollten ihr eigenes Identititätsmanagement aufbauen, so Ganten. Klingt eigentlich logisch, wer aber mal schnell Reichweite erzielen will, der ignoriert halt schnell mal den Datenschutz- und Datenutzungsaspekt einer Plattform wie LinkedIn. Und wenn halt einer dieser Open Source-Fuzzis mal wieder seinen Senf absondert … wen interessiert das schon wirklich.

Bequemlichkeit siegt im Zweifelsfall. Wir erleben das an Facebook. Auf die spanische Studie, wonach Facebook on 40 Prozent der EU-Bürger persönlich identifizierbare Daten hält – und damit gegen die neue EU-Datenschutzgrundverordnung verstößt -, war die von mir wahrnehmbare Reaktion – auch in meinem persönlichen Blog – sehr überschaubar. Was Amazon mit den Daten macht, die Echo und Alexa im Wohnzimmer sammelt, scheint auch eher sekundär, selbst für Unternehmen, deren Meetings darüber organisiert werden sollen. Dass Amazon Daten von Unternehmenskunden an die US-Behörden weitergibt … lässiges Schulterzucken, iss halt so. Man könnte die Liste nahezu beliebig fortsetzen und Carsten Knop hat wohl im Anschluss an besagten Artikel einen (leider nur im Abo voll verfügbaren) lesenswerten Kommentar verfasst, in dem er die  Missstände nochmals auf den Punkt bringt.

Ob Amazon, Apple oder Microsoft: Die Speicherangebote mit den Namen iCloud oder One Drive und virtuelle Sprachassistenten wie Siri, Alexa oder Cortana können das Leben einfacher machen. Sie sorgen aber auch dafür, dass die Daten, mit denen man sie füttert, in großen Silos verschwinden. Und innerhalb dieser Datensilos können die Informationstechnologie-Konzerne damit machen, was sie wollen. … Die Abhängigkeit von diesen Silos wird immer größer, sei es für einen Privatkunden, im großen Stil aber auch für Unternehmen oder für die öffentliche Verwaltung.

via Was Konsumenten für ihren eigenen Datenschutz tun können

Knop verweist als leuchtendes Beispiel auf die Koalitionsvereinbarung für Schleswig-Holstein:

„Wir verfolgen den vordringlichen Einsatz von Open-Source-Software, auch um Abhängigkeiten der öffentlichen Verwaltung von einzelnen Softwareanbietern so weit wie möglich zu reduzieren. Um dieses Ziel zu erreichen, werden wir unter anderem die entsprechenden Ausschreibungsbedingungen überarbeiten. Eine vollständige Ablösung ist das langfristige Ziel.“

via Was Konsumenten für ihren eigenen Datenschutz tun können

Lasst uns drauf schauen, was dabei herauskommt. Ein solches Bekenntnis und – wichtiger – ein entsprechendes Handeln wäre länder-, kommunen- und bundesübergreifend notwendig und wünschenswert. Leider gibt es die bekannten “anderen” Beispiele wie das der Stadt München, die aufgrund einer Studie von Accenture das Linux-Projekt der Stadt München mit enormen Kosten zurückdreht. Microsoft ist übrigens mit seiner neuen Zentrale kürzlich nach München gezogen. Zum Thema Abhängigkeit Europas als Software-Kolonie von Microsoft gab es kürzlich eine leider nicht wirklich brillant recherchierte Story. Doch trotzdem oder gerade: Die Problematik bleibt.

Viel zu wenige Unternehmen, Konzerne und auch die öffentliche Verwaltung scheinen den Wert ihrer Daten und der Daten ihrer Kunden erkannt zu haben. Zwar wird gerne und oft von Big Data und Daten als Erdöl des 21. Jahrhunderts gesprochen, aber wirklich geschützt und ernst genommen scheinen sie mir nur selten. Liebe Unternehmen, es sind Eure Kornjuwelen, die ihr einfach mal so verscherbelt. Verscherbeln ist sogar das falsche Wort: einfach mal so weg gibt. Das Verständnis für die Bedeutung des Themas muss dringend wachsen. Ich kann nur hoffen, dass Leuchttürme, die wirklich gerade auch in der Cloud (beziehungsweise der Multicloud) auf den Daten ihrer Daten und der Daten ihrer Kunden achten, sicherstellen, dass ihre Daten in der EU oder in Deutschland bleiben, der Verschlüsselung garantieren und nur selbst den Schlüssel zu den Daten besitzen, an die Öffentlichkeit gehen und zeigen, dass so etwas geht – auch wenn es mehr kostet. Und es geht darum, dass Anbieter klar und transparent sind, was sie mit den Daten ihrer Kunden machen. Da eiern sehr viele gerade der prominenten Player, die so gerne auch von der Fachpresse hochgejubelt werden, herum. Mal schauen, ob und wie das auch noch der Fall sein wird, wenn das Urteil des US-Supreme Court über Zugriff von US-Behörden auf Daten ausländischer Server – Auseinandersetzug mit Microsoft – gefällt ist. Und ja, auch das Thema Open Source gehört nicht nur in dert öffentlichen Verwaltung gerade jetzt wieder ganz oben auf die Agenda (liebe “neue” Bundesregierung).

Das Thema ist nicht sexy. Anderes Vorgehen ist sicher wesentlich bequemer. In Unternehmen wie auch privat. Aber nochmals: Wir sprechen über unser Kronjuwelen, die wir nicht so einfach weggeben sollten. Das könnte uns bald sehr teuer zu stehen kommen.

(Stefan Pfeiffer)

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