#MINT Fächer sind kein Allheilmittel – Modell-Platonismus führt in die Irre

Die Forderung nach mehr Studierenden in den so genannten Mint Fächern – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – wird teilweise als Wundermittel gepriesen, um Innovationskraft und Prosperität zu erlangen. Von den Geisteswissenschaften wird das weniger erwartet. NZZ-Autor Markus Zürcher hält das für einen Irrweg.

“Mint verkommt zu einem rein von finanziellen Interessen geleiteten Kampfbegriff, wenn die damit bezeichneten Fächer in Gegensatz zu den geisteswissenschaftlichen Fächern gestellt werden. Was die Mint-Fächer verbindet, ist die Dominanz eines exakten Wissenschaftsverständnisses. Erkenntnisse werden mittels Modellen, Laborexperimenten und Simulationen gewonnen. Diesen ist die Reduktion und Abstraktion eigen: Unter Ausschluss zahlreicher Aspekte werden gemäss dem Modell oder der Experimentalanordnung Wirkungszusammenhänge zwischen den für relevant erachteten Faktoren ermittelt. Überdies werden die dabei festgestellten Zusammenhänge nicht in einem weiteren Kontext betrachtet”, schreibt Zürcher.

Das dieser Modell-Platonismus fragwürdig ist, habe ich in vielen Abhandlungen bei den Netzpiloten dargelegt. Der NZZ-Autor sieht das ähnlich kritisch. Grundsätzlich gelte, dass Fakten oder Evidenzen für sich allein weder überzeugen noch relevant sind.

“Abhängig von der individuellen Lebenslage, den eigenen Erfahrungen und Erwartungen, dem individuell angeeigneten Wissen, den Wahrnehmungs- und Verstehensprozessen werden Fakten interpretiert, bewertet, gedeutet, und es wird ihnen Relevanz zugewiesen. Fakten für sich sind sinnfrei, können weder aufklären noch überzeugen. Erst die ihnen zugewiesene Bedeutung und Relevanz ist handlungsleitend. Wie Fakten und Evidenzen durch die Individuen in Abhängigkeit zu ihrer Lebenssituation, ihrem Alltagsleben, ihren Erfahrungen und Erwartungen eingeordnet und bewertet werden, ist eine unerlässliche Aufgabe der Geisteswissenschaften.”

Zur Wissenschaft gehören auch normative Fragen und nicht nur technokratisches Denken. In der interdisziplinären Ausrichtung sollte man daher stärker unterwegs sein.

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