Die Freiheit der Utopie im Zeitalter der technischen Medien: Übergabe des Herbert W. Franke-Archivs an das ZKM

Er ist Physiker, Informatiker, Höhlenforscher, Kakteen-Erkunder, Entdecker der Mars-Höhlen, Science Fiction-Autor, Philosoph, Physiker, Pionier der Computerkunst, Hörspielautor, Musikexperimentator und ein leidenschaftlicher Sammler von Kaleidoskopen: Der Wiener Naturwissenschaftler Professor Herbert W. Franke.

Die Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG) verleiht Franke für seine außerordentlichen Verdienste im Brückenschlag von Wissenschaft, Philosophie und Kunst die Ehrendoktorwürde. Siegfried Zielinski, Rektor der Hochschule, betont Frankes „besondere Verdienste als einer der wichtigsten Pioniere einer wissenschaftlichen, künstlerischen, intellektuellen und poetischen Praxis, die durch Computer und entwickelte Technologien der Kommunikation beeinflusst, inspiriert und sogar generiert sind.“

Mit der Verleihung wird auch das Herbert W. Franke Archiv vorgestellt, das an das ZKM Karlsruhe übergeben wird. Das in vielen Jahrzehnten entstandene, umfangreiche Archiv ist nicht nur ein einmaliger Schatz der Geschichte der Computer- und Medienkunst, sondern auch der Höhlenforschung und der Science Fiction – jener drei Gebiete, in denen Franke als Pionier tätig war und durch seine publizistische Tätigkeit auch zahlreiche internationale Kontakte pflegte. Das Archiv, das Franke dem ZKM in einem ersten Teil als Vorlass bereits übergeben hat, wird nun für die Forschung erschlossen.

Peter Weibel

Peter Weibel, Künstlerischer Vorstand des ZKM, würdigt Franke „als Künstler und Wissenschaftler, als Historiker und Pionier. Franke ist ein Renaissance-Mensch, der in vielen Disziplinen, von der Chemie bis zur elektronischen Kunst, sehr frühe und sehr entscheidende Leistungen erbracht hat. Mit seiner enormen Imaginationskraft hat Franke – von der Science-Fiction-Literatur bis zur Kunst, von der Physik bis zur Speläologie – immer an der Front der Forschung operiert. Seine Signatur lautet: Die Freiheit der Utopie im Zeitalter der technischen Medien.“

Die Ausstellung „Wanderer zwischen den Welten“ im ZKM würdigte vor acht Jahren erstmalig Leben und Werk des „Künstler-Forschers“:

„Franke ist ein uomo universale. Ein Universalmensch, wie man ihn aus der Renaissance kennt. Jede geistige Herausforderung verspricht ihm höchste Lust. Er vereint die Gebiete der Naturwissenschaft und Mathematik mit jenen der Künste“, sagte damals der ZKM-Kurator Bernhard Serexhe bei der Pressevorführung.

Das Netz als Metapher für das Leben von Franke

„Wenn man die Ausstellung betritt, begibt man sich in ein Gewirr von Fäden. Dieses Netz steht als Metapher für das gesamte Leben von Professor Franke, in dem er so viele Gebiete bereist und erforscht hat“, so Serexhe.

Als Kind verwandelte er die Wohnstube seiner Großeltern mit einer Garnrolle in ein Labyrinth, „durch das man sich nur unter Schwierigkeiten, teils tief gebückt, teils über Schnüre steigend, durch das Zimmer bewegen konnte. Man konnte sich verirren, in den Schnüren hängen bleiben, in eine Sackgasse geraten. Man konnte es nicht nur sehen, sondern auch spüren und erleben. Für Karlsruhe bot sich mir erneut die Gelegenheit, ein solches in seiner Form vom Zufall bestimmtes Raumnetz zu errichten. In diesem so einfachen und doch so komplizierten Netz spiegelt sich der Weg, den ich gegangen bin und der, wie ich heute einsehe, schließlich wieder zu den Anfängen zurückführt”, so Franke.

Das gesamte Werk von Franke sei ein künstlerisches Forschen, immer einhergehend mit der Suche nach den Bildern von morgen, schreibt Heike Piehler im Ausstellungskatalog:

„Franke arbeitet mit naturwissenschaftlicher Akribie, analytisch und visionär. Sein in den 1950er-Jahren entstandenes künstlerisches Frühwerk der experimentellen und der generativen Fotografie zeigt, wie er technische Apparaturen für künstlerische Ansätze nutzbar machte.“

Erkenntnisse durch zufällige Konstellationen

Viele Erkenntnisse gewann Franke durch zufällige Konstellationen. So schenkte ihm ein Freund zum Geburtstag Kakteen. Sofort bemerkte er bei den Pflanzen das mathematische Fibonacci-Muster, also Spiralen, die sich überkreuzen.

„Ich bin diesem Phänomen auf den Grund gegangen und erkannte, dass es sich um die optimale Ausnutzung von gewölbten Oberflächen handelt. Das ist ein kleines Ergebnis, welches zeigt, dass ich mich gar nicht systematisch einem Problem zugewandt habe, sondern gewissermaßen dazu gezwungen wurde“, erläuterte Franke.

Ein weiteres Beispiel sei ein Festvortrag, den er beim Verband der Deutschen Höhlenforscher halten sollte. Franke wollte aber nicht zum wiederholten Male auf seine Exkursionen durch die Dachstein Mammut-Höhle eingehen, das sei doch langweilig. Besser wäre es, über Höhlen auf anderen Planeten zu sprechen.

„Auf dem Mars gibt es die größten vulkanisch entstandenen Berge des Sonnensystems und die dazugehörenden ausgedehnten Lavafelder. In Lava ausgebildete Höhlen kennen wir auch von der Erde, sie entstehen dadurch, dass nach einem Vulkanausbruch die abrinnende flüssige Lava von außen her erstarrt, so dass sich die Strömung nach innen verlagert und schließlich, wenn keine Lava mehr nachkommt, ihr Bett als Hohlstrecke zurückbleibt. Da dieser Vorgang auch auf dem Mars nicht anders verläuft, muss es dort Höhlen geben“, sagte Franke in Karlsruhe.

Die Marshöhlen

Zuerst wurde seine Vermutung von der Wissenschaftsgemeinde angezweifelt, doch einige Jahre später zeigten Marsaufnahmen der NASA schwarze Löcher auf der Marsoberfläche, die inzwischen als Deckenbrüche zu darunterliegenden Höhlen anerkannt sind. Die Skepsis beruhte auf der Geisteshaltung, dass man ja nicht vom Lehnstuhl aus Höhlen auf dem Mars entdecken könne.

„Ich bin Theoretiker und konnte das auf Grundlage der physikalischen Situation sehr wohl voraussagen“, betonte Franke.

Diese Entdeckung sei für die Raumfahrt nicht ganz unwichtig. Wenn in Zukunft Astronauten auf dem Mars landen sollten, könnte man die Höhlen mit ihrer dicken Gesteinsschicht nutzen, um sich vor der hohen Strahlenbelastung zu schützen. Ein Kollege von Professor Franke schlug sogar vor, Folien in die Höhlen einzubringen und mit Luft aufzupumpen, so dass die Astronauten dann größere Räume haben, in denen sie sich bewegen können.

Die Franke-Ausstellung 2010/2011 skizzierte das Gesamtwerk des Wissenschaftlers: Experimentelle Fotografien, die Präsentation historischer Rechner, auf denen von Franke entwickelte Programme und Demonstrationen aus den vergangenen 30 Jahren laufen, dokumentarische Einblicke in seine Höhlenforschungen, Untersuchungsobjekte zu seinen Symmetrie- und Bionik-Forschungen wie Kakteen und Mineralien sowie ein eigens eingerichteter Hörspielraum und ein Leseraum, in denen einige Science Fiction-Werke und wissenschaftliche Publikationen des Autors auf den Gebieten Physik, Mathematik und Kunstwissenschaft rezipiert werden können.

Vorstellung des Herbert W. Franke Archivs

Die feierliche Übergabe der Doktorwürde an Herbert W. Franke findet findet in einer öffentlichen Feier am Mittwoch, 14. Februar 2018 um 18 Uhr im ZKM_Vortragssaal statt. Mit der Verleihung wird auch das in Aufbau befindliche Herbert W. Franke Archiv vorgestellt. Margit Rosen, Leiterin der Abteilung Wissen, wird in den Aufbau des Archivs einführen. Nach der Laudatio durch Siegfried Zielinski wird Herbert W. Franke unter dem Titel „Wanderer zwischen den Welten“ aus seinem Leben berichten. Abschließend werden Siegfried Zielinski und Peter Weibel mit dem Laureaten in einer Podiumsdiskussion sprechen. Den Termin sollten sich CIOs nicht entgehen lassen 🙂

2 comments

Kommentare sind sehr willkommen

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.