Digital oder das tiefe digitale Tal: Von den Chancen (und Risiken) des Datenreichtums

Wir sind überzeugt: Dank Datenreichtum wird unsere Zukunft nicht bloß persönlicher, effizienter und nachhaltiger sein, sondern vor allem gemeinschaftlich – und zutiefst menschlich.

Ein durchgehend lesenswertes Buch, Das Digital, Markt, Wertschöpfung und Gerechtigkeit im Datenkapitalismus von Professor Viktor Mayer-Schönberger und brand eins-Autor Thomas Ramge, das gerade neu erschienen ist. Mit-CIOKurator Gunnar Sohn hat ja hier schon an mehreren Stellen darauf referenziert. Bei mir war das Buch meine Weihnachtslektüre und ich habe es auf meinem iPhone in 3 Tagen durchgelesen. Viele Passagen werden mich sicher noch lange Zeit beschäftigen. In ihrer Danksagung schreiben die Autoren: “Es ist höchste Zeit, langjährige Überzeugungen an den Schnittstellen von Wirtschaft, Technologie, Politik und Gesellschaft zu überdenken.” Und genau darum dreht sich das Buch.

Ich möchte an dieser Stelle das Buch unter zwei Aspekten beleuchten: Welche Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen kann ein CIO daraus ziehen. Nicht umsonst befinden wir uns hier auf dem CIOKurator. Und natürlich möchte ich ausführen, wie ich ich persönlich zu dem Buch stehe.

Die 2 Cents für den CIO

Mayer-Schönberger und Ramge führen viele Aspekte auf, die auch für den CIO relevant sind. Es ist ein Plädoyer für die Macht der Daten, die dabei helfen, in datenreichen Märkten optimale Transaktionspartner durchzuführen: “In unserer datenreichen Zukunft kommt es weniger darauf an, wie schnell wir Informationen verarbeiten, sondern wie gut und wie tiefgreifend wir diese verstehen.” Das Buch ist implizit und explizit ein Appell, auf Datenqualität, Datenerschließung und eine gute Ontologie (frei übersetzt Verschlagwortung) der Daten zu achten, um sie vernünftig auswerten und nutzen zu können.

Es gehe natürlich auch darum, Dinge schneller zu machen, zu automatisieren. Mit Watson habe das Fließband die Büros erreicht, um die standardisierbaren Tätigkeiten vieler Sachbearbeiter (und vielleicht gar die Arbeit manches Managers) zu übernehmen. Man müsse aber nicht nur automatisieren, sondern vor allem darüber nachzudenken, Dinge grundlegend anders zu machen. Um überleben zu können, sei es wahrscheinlich nötig, beide Aspekte – Automatisierung und Transformation – voran treiben. Die Autoren raten den Unternehmen dazu, sich neu zu erfinden. Die sei die langfristig erfolgreichere Strategie.

Man solle vor allem an zwei Stellen arbeiten: Entscheidungsprozesse wo möglich automatisieren und grundsätzliche Funktionen und Eigenschaften von Märkten in der eigenen Organisation nachbilden, um dadurch erfolgreich zu bleiben oder zu werden. Natürlich führen Mayer-Schönberger und Ramge Amazon als klassisches Beispiel für einen Marktplatz an, in dem andere Händler verkaufen und Feedback-Daten der Kunden massiv genutzt werden.

Ein Markt mit seiner dezentralen Organisation spiegele den Informationsfluss von jedem zu jedem Teilnehmer wider. Das hierarchische Unternehmen steuere den Informationsfluss durch und in ihr Zentrum, in die Führungsebene, auf der die Entscheidungen gefällt würden. Amazon ist wohl ein hybrides Unternehmen, das einerseits extrem erfolgreich die Marktmechanismen nutzt, andererseits aber durch den Kontrollfreak Jeff Bezos regiert wird, der seine Organisation bis ins kleinste Detail kontrolliere. Die Autoren zitierenden ehemaligen Amazon-Programmierer Steve Yegge: »Aber er lässt durchschnittliche Kontrollfreaks wie bekiffte Hippies aussehen.«

Und ein weiterer für den CIO relevanter Aspekt des Buches: Die effektiven Führungskräfte von morgen werde sich wieder stärker am Ideal des Universalgelehrten der Renaissance orientieren. Auf Grundlage einer soliden und breiten Wissensbasis können diese Manager einzelne Informationen in die großen Zusammenhänge einordnen. Dazu gehöre, dass sie abteilungsübergreifendes und interdisziplinäres Arbeiten fördern und anleiten. Da sind wir bei der auch auf dem CIOKurator schon oft angesprochenen Notwendigkeit, in der digitalen Transformation interdisziplinäre, agile Teams zu bilden, um wirklich zu transformieren.

Meine persönlichen 2 Cents

Es ist ein durchgehend lesenswertes Buch mit interessanter Analyse und nachdenkenswerten Denkanstößen und Vorschlägen. Die Autoren stehen dem Zeitalter positiv gegenüber und betonen immer wieder die Chancen für den Einzelnen und für Unternehmen. Persönliche Assistenten könnten jedem viele gerade auch datenintensive Routinetätigkeiten und Entscheidungen abnehmen und diese deutlich besser erledigen. Die letzte Kontrolle, was durch Assistenten automatisch und was der Einzelne selbst entscheide, müsse natürlich beim Individuum verbleiben. Stellt sich die Frage, wie wir den individuellen Anwendern entsprechend schulen und aufklären, ihnen die notwendige Datenkompetenz vermitteln.

Die Autoren vergessen nicht – so sehr sie auch die Chancen des digitalen Zeitalters betonen -, auf die Risiken der Datennutzung und Gewinnmaximierung durch große Monopolisten und machthungrige Regimes aufmerksam zu machen. Als Beispiel führen sie Apple auf, das nach Schätzungen in Deutschland Umsätze in der Größenordnung von rund 10 Milliarden Euro erzielt habe, aber 2016 an den deutschen Fiskus nur magere 25 Millionen Euro abgeführt habe. Wie gerade auch Christian Schuette im Manager Magazin fordern sie eine stärkere Kontrolle der “Viererbande”, “GAFA” von Google, Amazon, Facebook und Apple. Mir fallen allerdings noch andere Spieler ein, die wie beispielsweise Microsoft den Markt monopolartig beherrschen und viel stärker reglementiert und kontrolliert gehören.

Gerade diese Unternehmen würden “ihre Kunden dazu verleiten, in eine mehr oder weniger unbeschränkte Datenerhebung einzuwilligen”. Nur zu oft klicke man “ohne einen Blick auf das Kleingedruckte auf »Nutzungsbedingungen akzeptieren«”. Statt aber das primär Sammeln von Daten zu beschränken, gehe es vielmehr darum, “die Möglichkeiten zu begrenzen, wie Informationen von Unternehmen (oder anderen Organisationen und Institutionen) genutzt werden dürfen”.

Die Autoren fordern für dominierende Unternehmen, deren exorbitant hohen Gewinne maßgeblich auf (Feedback-)Daten basieren, eine Pflicht zum progressiven Daten-Sharing: Unternehmen mit über 10 Prozent Marktanteil sollen nicht nur ihre Algorithmen, sondern vor allem ihre anonymisierten Datensammlungen dem Markt und anderen Unternehmen offenlegen müssen. So könnten Monopole vermieden und die Wettbewerbsfähigkeit sichergestellt werden.

So weit, so gut. Doch was ist mit dem Schutz der Daten jedes Einzelnen? Mir fehlt die Forderung, nach einem umfassenden Datenverwertungsregister, in dem Unternehmen, deren Geschäft auf der Nutzung persönlicher Kundendaten basiert und die das Akzeptieren der oben zitierten Nutzungsbedingungen einfordern, gesetzlich verpflichtet werden, in verständlicher Terminologie zu dokumentieren, wie sie die Daten der einzelnen Kunden und Konsumenten verwenden. Jeder EU-Bürger sollte dort nachschauen können, welches Unternehmen persönliche Daten in welchem Umfang erfasst, mit wem teilt,wie monetarisiert und was der einzelne Anwender dafür als Gegenleistung bekommt.

Dies gehört meiner Ansicht nach im Sinne des Datenschutzes und der Datentransparenz von denen offengelegt. Es wäre nur eine zu logische Ergänzung und Komplettierung der neuen EU Datenschutzgrundverordnung (EU-DSGVO). Zwar ist es begrüßenswert, dass ab Mai 2018 EU-Bürger die Löschung ihrer Daten verlangen können. Dazu muss man aber erst einmal wissen, welches Unternehmen wie nutzten wird und sie überhaupt gespeichert hat.

Noch viele andere diskussionswürdige Aspekte in DIGITALien

Das Buch behandelt noch viele andere Aspekte, die erwähnenswert und einer Diskussion würdig sind, vom bedingungslosen Grundgehalt über eine Einschätzung der Fähigkeiten von künstlicher Intelligenz und die künftige Rolle des Geldes bis zu einem Kartellrecht, das wie schon kurz erwähnt Konzernen vorschreibt, ihre Daten offen zu legen und zu teilen. Doch an dieser Stelle sei genug. Gunnar hat ja schon das Thema Kartellrecht behandelt und es muss ja auch noch Platz für weitere Beiträge hier auf dem CIOKurator und anderswo bleiben.

(Stefan Pfeiffer)

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