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Pflicht zum Daten-Sharing, Beweislastumkehr, Systeme abschalten – Was hilft gegen die Daten-Oligopolisten des Silicon Valley? @ChrFeld @Digitalnaiv @thomasramge

Der Staat müsse dafür sorgen, dass die großen Digital-Konzerne keine Oligopole und Quasi-Monopole bilden können, sondern fairer Wettbewerb herrscht, proklamiert brandeins-Autor Thomas Ramge im Interview mit dem CCB-Magazin:

“Zugleich müssen Menschen lernen, Daten und die sogenannte Künstliche Intelligenz zum Wohl des Einzelnen und für Gemeinschaften zu nutzen. Und beides muss in Einklang gebracht werden, das beschreiben wir ja auch in unserem Buch. ‘Das Digital’ möchte ein Beitrag zu der Diskussion sein, wie wir digitale Veränderung so gestalten, dass es Wohlstand und Teilhabe für alle mehrt und nicht nur für Digital-Konzerne und deren Aktionäre.”

In den vergangenen zwanzig Jahren sei es einer neuen Generation von Superstar-Firmen mit digitalen Plattformen gelungen, Quasi-Monopole zu errichten. Dieser „The-Winner-Takes-It-All-Trend“ werde sich in den kommenden Jahren weiter verstärken durch Daten lernende KI-Systeme und datenreiche Märkte.

“Das Kartellrecht, gemacht gegen Stahlbarone, zeigt sich dagegen schon jetzt als vollkommen machtlos”, meint Ramge.

Ramge und Viktor Mayer-Schönberger schlagen eine regulatorische Innovation wider den Datenmonopolkapitalismus vor:

“Eine ‘progressive Daten-Sharing-Pflicht’. Das hört sich kompliziert an, aber das Prinzip ist im Kern einfach. Die Unternehmen mit extremem Datenreichtum müssen ihre Daten mit Wettbewerbern teilen. Konkret kann das so aussehen: Die Pflicht zum Teilen von Daten setzt ein, sobald ein Unternehmen einen bestimmten Marktanteil erreicht, beispielsweise zehn Prozent. Überschreitet ein Unternehmen diese Schwelle, muss es einen Teil seiner Daten mit allen Konkurrenten teilen, die dies wünschen”, so Ramge gegenüber dem CCB-Magazin.

Die Daten müssten zufällig gewählt sein, in einigen Fällen können sie auch durch einen neutralen Dritten bestimmt werden.

“Und natürlich muss dabei auch der Datenschutz beachtet werden. In der deutschen Versicherungswirtschaft gibt es so etwas übrigens schon: Die großen Versicherungen müssen den kleinen Hinweise geben, wie sie ihre Tarife sinnvoll schneiden können”, erläutert Ramge.

Eine Pflicht zur Offenlegung der Algorithmen halten Ramge und Mayer-Schönberger nicht für zielführend.

“Der Zugang zu den Algorithmen allein reicht nicht aus, damit kleine Wettbewerber und Neueinsteiger gegen etablierte Unternehmen bestehen können, eben weil Algorithmen ihnen nicht den Rohstoff, also Feedbackdaten, liefern, mit dem sie ihre eigenen KI-Systeme trainieren könnten”, schreiben die beiden Autoren in ihrem neuen Opus.

Für funktionierenden Wettbewerb müssten die Oligopolisten des Datenkapitalismus ihren Rohstoff zur Nutzung zur Verfügung stellen, nicht ihre Werkzeuge.

Reicht eine Sharing-Pflicht aus? Im Wettbewerbsrecht geht es in erster Linie um die Interessen der Verbraucher. Was passiert, wenn mich die Datensysteme denunzieren, etwa bei der Kreditvergabe oder bei der Festlegung von Versicherungsprämien? Wer haftet für falsche Berechnungen, die zum Reputationsverlust führen? Viktor Mayer-Schönberger hat in einem anderen Kontext eine Beweislastumkehr ins Spiel gebracht, die beim Anwender liegen müsse. Zudem benötige man eine neue Berufsgruppe zur Überprüfung der Big-Data-Analysen. Mayer-Schönberger spricht von „Algorithmikern“, es könnten auch Big-Data-Forensiker sein, die den Betroffenen helfen, rechtlich gegen die Zahlendreher vorzugehen.

Was bei der ganzen Gemengelage wohl am wenigsten helfen wird, ist die temporäre Abschaltung der Systeme, die beispielsweise bei Alexa möglich ist. Stefan Pfeiffer diskutiert das gerade auf Twitter mit dem ARD-Reporter Christian Feld.

Ob das Wettbewerbsrecht wirklich so wirkungslos ist, wie Thomas Ramge meint, bleibt noch abzuwarten. Das Bundeskartellamt hat das Thema schon seit längerer Zeit auf der Agenda. Siehe das Arbeitspapier “Marktmacht von Plattformen und Netzwerken – Ergebnisse und Handlungsempfehlungen”.

Siehe auch:

ALEXA, SCHALTE DICH SELBST AUS – WIRKLICH? – TAGESTHEMEN AM 14. DEZEMBER 2017