#Luhmann und das Multiple-Storage-Prinzip: Über die Fähigkeit etwas zu finden, was man gar nicht sucht

Das 760 laufende Meter umfassende Tessiner Archiv des legendären Ausstellungsmachers Harald Szeemann, wird von einem Chaos der Ordnungen in allen Ebenen beherrscht. Zettel an Schnüren von der Decke, Karteikästen mit Registern auf Tischen, Schubladenschränke, Regale, Kisten und Tüten, Versuche des Reihens und Stapelns, der Serien- und Haufenbildungen. “Unordnung ist eine Quelle der Hoffnung” steht unter einem Regalbrett:

“Das Wichtigste ist für mich, mit geschlossenen Augen durchzugehen, und meine Hand wählen zu lassen.”

Szeemann baut also einen Zufallsmechanismus in seine analoge Sammlung ein. Im wissenschaftlichen Kontext geht man bekanntlich anders vor.

Wenn Forscher sehr sicher sind, was genau sie wissen wollen, entsteht dabei zwischen Lesen und Schreiben keine große sachliche und zeitliche Lücke.

“Man bibliografiert, welche Beiträge geleistet worden sind, und notiert sich, was ihnen entnommen werden kann”, schreibt Jürgen Kaube in seinem Beitrag “Luhmanns Zettelkasten oder Wie ist gedankliche Ordnung möglich?” im Ausstellungskatalog “Serendipity – Vom Glück des Findens”, erschienen im snoeck-Verlag.

Nachdenken, Weiterlesen, Rechnen, Experimentieren, Datenausschöpfen, Fragen und Antworten formulieren. Die Lektüre und Recherche erfolgt zielgerichtet.

Was in Schubläden schlummert

Der berühmte Zettelkasten, den der Soziologe Niklas Luhmann schon im Alter von 25 Jahren anlegte und bis zwei Jahre vor seinem Tod 1998 geführt hat, um seine Gedanken und Lektüren zu dokumentieren, funktioniert anders. Eine Erkenntnis wollte er nicht in Stein meißeln, sondern auf verschiedene Wege weiterführen. Kaube erklärt das mit dem Zettel 7/59a zum Begriff des Klassikers. Dort notiert Luhmann:

“Man kann es tun, aber es entspricht nicht wissenschaftlichem Stil, die Klassiker mit Dankbarkeit zu überschwemmen”und “Vielleicht sind Klassiker auch, und gerade deshalb, so beliebt, weil man sich von ihnen durch Personennamen unterscheiden kann, während bei theoretischen Positionen schwierige Überlegungen nötig sind, wirklich festzustellen, worin sie sich unterscheiden.”

Dieser Luhmann-Zettel unterstreicht die Kombinationsmöglichkeiten seines Gedankenkosmos, der in Schubläden schlummert. Er belegt nach Auffassung von Kaube die Verwendungsfähigkeit in unterschiedlichen Kontexten wie “Klassiker” oder “Adeptentum” oder “Philologie”. Anschlussmöglichkeiten ergeben sich auch über die Funktion von Personennamen oder über die verschiedenen Ausprägungen von Dankbarkeit.

“Es kommt in jedem Fall nur darauf an, dass man diesen Zettel wiederfindet, wenn man an Überlegungen zu Dank, Philologie oder Epigonen sitzt. Dafür hat die Ordnung des Zettelkastens, die Anordnung der Zettel, das interne Vereisungssystem und die Schlagwörtervergabe zu sorgen”, schreibt Kaube.

Überraschende Erkenntnisse

Am wichtigsten ist allerdings die Berücksichtigung des Zufalls bei der Lektüre. Es gibt Themenblöcke im Luhmannschen Archiv etwa zum Begriff des Amtes, zu Wirtschaft, zu Hochkulturen oder zur Entscheidungstheorie. Diese anfängliche Ordnung wird immer wieder verlassen. Notierte Nebengedanken zu diesen großen Linien werden einfach an der Stelle eingeschoben, an der der Zettelkasten geöffnet war. Das führt zur Steigerung des Überraschungsgehaltes beim erneuten Zugriff auf den Kasten. Durch die Anwendung dieses “Multiple-Storage-Prinzips” – also die Mehrfach-Ablage – durchbricht Luhmann auch eine historische Ordnung nach der Machart “Das waren meine ersten Gedanken zu xyz”.

“Der Kasten versucht die Vorteile von Ordnung mit den Vorteilen der Unordnung zu kombinieren”, so Kaube.

Damit bewegt sich Luhmann auf der von Horace Walpole benannten Gabe der Serendipität, also der Fähigkeit, etwas zu finden, was man gar nicht gesucht hat. Eine Recherche-Methodik für überraschende Erkenntnisse.

Entscheidend ist der Verzicht auf eine Zettel-Priorität. Es gibt in diesem Netz der Notizen keine privilegierten Plätze und keine Zettel von besonderer Qualität. Mit der Ablagetechnik und der Kombinatorik der Notizen gleicht der Zettelkasten den Hyperlinks des Internets.

Das Suchen dieser Links wird allerdings vom Google-Algorithmus dominiert. Man erhält “webgerechten” sowie “technisch sauber aufbereiteten Content”, heißt es im unsäglichen SEO-Jargon. Die Sucht der Programmierer für personalisierte Daten tötet den Zauber des Zufalls, der Unordnung in der Ordnung und den Charme der nicht vorhersehbaren Kombinatorik.

Eine laue Alternative hat man mit der Google-Option “Auf gut Glück“ als mögliche Recherche-Methode ins Feld geführt wurde. Meine Erfahrungen waren nicht gerade prickelnd.

Die Überraschungsfunktion des Luhmann-Zettelkastens ist besser und vielfältiger. Wenn in Deutschland und Europa über Alternativen zum Suchmaschinen-Riesen in Mountain View nachgedacht wird, sollte die digitale Forscher-Elite nach Bielefeld pilgern und das Sortiersystem von Luhmann als Maschine des glücklichen Suchens nachbauen. Wäre das nicht ein schönes Forschungsprojekt?

Luhmann, der heute 90 Jahre alt geworden wäre, hätte das sicherlich gefallen.

Siehe auch: Niklas Luhmann – Das Genie der Gesellschaftstheorie – Vor 90 Jahren kam der deutsche Kultautor Niklas Luhmann zur Welt: Was bleibt?

Special des Suhrkamp-Verlags.

One comment

  • Interessanter Beitrag. Neue Gedanken entstehen ja nicht nur aus logischer Entwicklung, sondern auch durch die “lateralen” Richtungsänderungen, die durch Zufall und “Herumstolpern” entstehen. Dabei kann kein Ablage- bzw. Suchsystem die Intention erraten, mit der ein denkendes Wesen sich gerade nach Input umschaut.
    Das Geniale des Luhmann’schen Systems ist, dass er quasi den Plural der Suchmöglichkeiten, die heute technisch zur Verfügung stehen, als Bedarf schon voranmeldete. Dabei kann ich mir nicht vorstellen, dass er mit dem bis heute noch relativ mechanischem Google Search-System total unglücklich gewesen wäre, schon deshalb nicht, weil man nie weiß, was das System überhaupt als Content hat oder nicht hat – der Content ist ja hochliquide, ständig wachsend, “strömend” und trotzdem anti-chronologisch.
    Wem das nicht reicht, kann heute aber noch ein ganzes Arsenal an weiteren Zufallsfaktoren nutzen, um seine Intentionen mit Überraschungen zu neuen Beobachtungen und Gedankenpfaden zustimulieren. Z.B. kann man seine eigenen Evernote-Clippings und Notizen in die Google-Suchergebnisse einfließen lassen. Und Evernote bietet ja schon ganz in der Traditon des multiplexen Zettelkastens von Luhmann 3 Suchwege an: per semantisch verstärkter Stichwortsuche, per Hashtag oder per selbst eingerichteter Themen-Schublade.
    Bei write2gether.de basteln wir in ähnlicher Weise mit den einschlägigen avancierten Technologien an verschiedenen Discovery-Algorithmen, beispielsweise in der Weise, dass der aktuelle Kontext eines Suchenden konstruiert wird, doch das ist nicht alles: Man kann aus dem eigenen Text heraus recherchieren, parallel in verschiedenen Silos (Indexe), kommt dann z.B. genau auf die Seite in einem Buch, die relevant erscheint, und kann nun in dieser Buchseite wiederum ein Wort oder Satz markieren, um von da aus weiterzuspringen zu weiteren Suchergebnissen. Die Ergebnisse stehen am Schnittpunkt der Dialekt von präzise (richtig oder falsch) und halb-zufälligen Antworten (passend vs nicht-passend).
    Denn egal wie weit man die Algorithmen noch selbstlernender und raffinierter macht – die Intentionen des Suchenden sind maschinell nicht zu erahnen. Intentionen zu verstehen, das passiert erst z.B. bei dem, woran Richard Socher (studierte in Leipzig) bei Salesforce als Chief Scientist arbeitet, nämlich “Search as a Conversation”, d.h. ich stelle in natürlicher Sprache Fragen an die Maschine, die dann die Antwort aus strukturierten Daten zusammensucht und in natürlicher Sprache generiert. Das wird dann tatsächlich langweilig, weil man nur noch strikt richtige Antworten erhält. Aber nicht selten hilft dem Denken auch etwas Hochgenaues auf die Sprünge 😉

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