Von der Kunst des Herumprobierens in staatspolitischer Verantwortung – Popper und die agile Methode

Wenn man sich das Scheitern der Jamaika-Sondierungsgespräche anschaut, fragt man sich, ob hier der Geist des Grundgesetzes von einigen Volksvertretern noch ernstgenommen wird. Schließlich konstruierten die Mütter und Väter ein Regelwerk mit robusten Kontrollmechanismen, um Machtmissbrauch zu verhindern. Es geht um die berühmten dicken Bretter des Soziologen Max Weber, die gebohrt werden müssen im Regierungshandeln. Der Wissenschaftstheoretiker und Philosoph Karl Popper nennt das die “Stückwerk-Sozialtechnik”. Sein politisches Ideal ist das schrittweise Herumprobieren oder Herumbasteln. Es geht also nicht um die Durchsetzung von Tabula-Rasa-Methoden oder um die Allwissenheit von Politikern, die sich gerne in der Pose des Machers darstellen, sondern um Versuch und Irrtum. Niemand ist in der Lage, alles richtig zu machen. Niemand kann genau wissen, wie sich Gesellschaft und Wirtschaft entwickeln. Politische Ziele können nach Ansicht von Popper ehrgeizig formuliert werden. Im Regierungsalltag können sie aber auch fehlschlagen.

Problematisch in der Politik sei häufig die Kombination von Wirrnis und Aggressivität in der politischen Debatte, so Popper. Mit der Stückwerk-Sozialtechnik pflege man hingegen eine nüchterne Diskussionskultur, da es nicht um abstrakte Ideale geht, unter denen möglicherweise jeder etwas anderes versteht, sondern um kleine Schritte.

Popper ist der Auffassung, dass uns “die Anwendung der Methode des stückweisen Umbaus über die allergrößte Schwierigkeit jeder vernünftigen politischen Reform hinweghelfen wird, nämlich über die Frage, wie wir es anstellen sollen, dass bei der Durchsetzung des Programms die Vernunft und nicht die Leidenschaft und Gewalt zu Worte kommt.”

In einer Politik der kleinen Schritte fällt es zudem leichter, einzelne Fehler der Politikerinnen und Politiker zu erkennen und festzustellen, ob die Maßnahmen tatsächlich den Zielen entsprechen. Für viele politischen Protagonisten ist diese Methode natürlich eine Zumutung.

“Ein solches Herumbasteln entspricht nicht dem politischen Temperament vieler Aktivisten”, schreibt Popper.

Die wollen eher schnelle Lösungen aus der Tasche zaubern und sich als unfehlbare Staatslenker profilieren. Mit den realpolitischen Gegebenheiten hat das aber nichts zu tun. Das gleicht eher der Schiffsmetapher von Otto Neurath, Mitglied des Wiener Kreises. Das Schiff liegt auf dem Ozean und passt in keine Werft – jegliche Reparaturen, Verbesserungen, Abänderungen erfolgen auf dem Wasser. Sie können nur stückweise erfolgen, eine Generalüberholung ist niemals möglich.

“Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.”

Es gibt Traditionen, Institutionen, Gesetzbücher und eine über Jahrzehnte gelebte politische Kultur. Die Stückwerk-Methode von Popper macht aus dem Politiker einen Forscher, dem Fehler unterlaufen müssen. Entscheidend ist der Lerneffekt und die Gewissheit, nicht das gesamte System zu zerstören. Altkanzler Helmut Schmidt war von dieser Vorgehensweise beseelt. Nachzulesen im Opus von Jack Nasher: Die Staatstheorie Karl Poppers.

Software-Entwickler kennen das: Auch bei der agilen Programmierung wird das Unvorhersehbare einkalkuliert. Wenn eine Applikation misslingt, kann sie schnell wieder entfernt und verändert werden, ohne große Flurschäden für das gesamte Unternehmen zu produzieren. Genauso muss Politik organisiert werden.

Siehe auch:

Ende der Jamaika-Sondierungen.

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