Ohne Computerveteranen keine große Transformation – Wenn alte IT mit neuen Systemen harmonieren muss #Cobol

Vor über zehn Jahren schrieb ich einen Artikel mit dem Tenor “Alte Eisen glühen noch”. Der Beitrag beschäftigte sich mit dem Jugendkult, der besonders in technologischen Disziplinen regierte und immer noch regiert:

“Wir ziehen mit dem falschen Weltbild in die Zukunft. All unsere Parameter über Alter und Jugend stammen aus Zeiten, in denen das Altern die Ausnahme war,” schrieb Frank Schirrmacher in seinem Buch “Das Methusalem-Komplott”.

Wir – damit sind nicht nur Deutschland, sondern alle westlichen Industrienationen gemeint. Das Altern wird bald nicht mehr das sein, was es mal war. Neueste Studien zwingen uns, unsere Einstellung zum Altern zu überdenken, oder gar – wie Schirrmacher schreibt – “neu zu erfinden”. 

Spätestens im Jahr 2050 wird die Hälfte der Bevölkerung über 48 Jahre alt sein. Es wird eine Welt geben, die “fast nichts mehr mit der heutigen zu tun haben wird,” so Schirrmacher. Selbst in der Branche für Informationstechnik, die als Jugenddomäne gilt, sind ältere Mitarbeiter unverzichtbar. Ein junger Mitarbeiter scheitert beispielsweise daran, einen Großrechner zu programmieren oder Migrationsprojekte zum Erfolg zu bringen. Es fehlen schlichtweg Kenntnisse über Programmiersprachen wie Assembler und Cobol. So kommt es vor, dass ein junger Programmierer trotz seiner Internet- und Java-Kenntnisse passen muss.

Die Großrechner-Technologie, obwohl hundertmal tot gesagt, ist eben nicht wirklich tot. Im Gegenteil. Auch heute braucht man die Computerveteranen noch. Das beleuchtet Jonas Jansen in einem FAZ-Beitrag. So seien die IT-Systeme von Banken ähnlich aufgebaut wie Kirchen in der Renaissance.

“Dort steht ein Kirchenschiff als Fundament, monolithisch und träge gebaut, vielleicht gotisch. Das sind die alten, robusten IT-Systeme, in denen etwa die ganze Kreditverfolgung abgelegt ist. Kunden- und Kontendaten und Milliarden von Transaktionen, gespeichert in einem System, das zwar schon vor 20 Jahren alt war, aber auch noch heute stabil ist. Drumherum versuchen nun die Baumeister Nebenschiffe und Säulen anzubauen, die einen anderen Stil haben, aber trotzdem ins Gesamtwerk passen – und vor allem die Architektur nicht zerstören. Die alte Struktur abzureißen und komplett neu zu bauen, ist freilich keine Option, deshalb muss sich die neue Struktur anpassen.”

Einfach nur die alte Oberfläche bunt anzupinseln, um sie moderner erscheinen zu lassen, reiche nicht aus.

“Gleichzeitig sind Banken stark reguliert und die alten Hochsicherheitssysteme erfüllen ihren Zweck, sie können auch große Datensätze schnell verarbeiten. Nur weil sie alt sind, sind sie nicht schlecht. Aber sie folgen anderen Zeitplänen: Wurden früher vielleicht alle drei Monate Aktualisierungen in die Software eingepflegt, ändern sich Betriebssysteme heute fast wöchentlich. In der mobilen Welt – und in die wollen Banken ja rein – laufen die Update-Zyklen viel schneller”, führt Jansen aus.

Die tollen neuen Programme müssen mit den alten Systemen harmonieren. “Wo Start-ups einfach etwas neu bauen, müssen große Organisationen alte und neue Strukturen verknüpfen”, so der FAZ-Redakteur.

Bei einem Programm wie Cobol sei das besonders schwierig. Die Programmiersprache hat mehr als 50 Jahre auf dem Buckel.

“Entwickelt wurde sie unter anderem von Grace Hopper, einer Informatikerin, die als die erste moderne Programmiererin gilt. Hopper ist 1992 verstorben, doch ihr Erbe wird noch heute vor allem in Banken benutzt. Cobol ist die Abkürzung für Common Business Oriented Language und wurde extra für wirtschaftliche Geschäftsprozesse geschrieben. Das Programm basiert auf einem System mit Lochkarten, damit wurden früher Daten von Rechnern eingelesen. Deshalb waren die Programmzeilen einst auch auf 80 Zeichen begrenzt, weil so viel Platz auf den Lochkarten war. Wenn heute ständig von maschinellem Lernen, künstlicher Intelligenz und Cloud Computing gesprochen wird, wirkt Cobol daneben wie ein Uralt-programm aus vergangenen Zeiten – doch es ist immer noch das Rückgrat vieler Prozesse in der Banken-IT”, erläutert Jansen.

Zukunft braucht eben auch Herkunft 🙂

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