Chef via Zufallsverfahren wählen oder gleich durch Roboter ersetzen?

Viele Protagonisten auf der Führungsetage agieren im Glücksmodus. Sie waren meist nur zur rechten Zeit am rechten Ort, so der Verhaltensforscher Chengwei Liu:

„Wir haben eine romantische Vorstellung von Anführern und denken, dass das Wohl der gesamten Gruppe, des gesamten Unternehmens oder gar der Nation von ihnen abhängt. Das tut es nicht. Forschungen zeigen, dass die Ernennung von CEOs den Erfolg von Unternehmen viel weniger beeinflusst, als die Finanzmärkte anfangs glauben. Topmanager können einfach nicht so viel ausrichten, wie wir es gern hätten.“

Chefs sollten daher per Zufallsverfahren ausgewählt werden, schlägt Liu vor. Anführer im antiken Griechenland wurden auch per Losentscheid rekrutiert.

Vieles weise darauf hin, dass dies auch für Unternehmen sinnvoll wäre. Zufallsmechanismen würden zu besseren Ergebnissen führen. Ein derartiges Vorgehen werde als fairer wahrgenommen, es kann Korruption verhindern und zu mehr Stabilität führen.

Unternehmen sollten zudem bedenken: Wer hochrangige Führungskräfte über die pseudo-rationale Bewertung von Leistung bestimmt, schafft Interessenkonflikte:

„Es kommt zu politischen Spielen. Die Bewerber arbeiten gegeneinander, um hervorzustechen, und schaden so dem Unternehmen. Ein Losentscheid macht dies überflüssig. Weil die Manager auf der höchsten Ebene ohnehin alle gleich gut qualifiziert sind, kann dies tatsächlich die beste Wahl sein“, resümiert Liu.

Alibaba-Gründer Jack Ma geht nach einem Bericht des Standards noch einen Schritt weiter. Er prognostiziert, dass in nicht allzu ferner Zeit Künstliche Intelligenz-Systeme in die Chefetage einziehen könnten.

„In 30 Jahren wird sehr wahrscheinlich ein Roboter das Time Cover als ‚CEO des Jahres‘ zieren.“

Er könne sich besser erinnern, schneller zählen und reagiert nicht ärgerlich auf Wettbewerber.

„Wie der Name schon sagt, exekutiert ein Chief Executive Officer bestimmte Aufgaben. Aus Sicht der Entwickler lässt sich diese Kompetenz als eine Reihe von Wenn-dann-Aussagen formulieren, mit denen man einen Algorithmus programmieren könnte. Zum Beispiel: Wenn der Aktienkurs fällt, spart man Personal“, schreibt der Standard.

Das sei freilich grob vereinfachend, aber letztlich folgen auch komplexe Managemententscheidungen bestimmten ökonomischen Gesetzmäßigkeiten, die man als regelgeleitetes Vorgehen programmieren könnte, meint Standard-Autor Adrian Liebe.

Das ist natürlich völliger Blödsinn. Weder gibt es ökonomische Gesetzmäßigkeiten noch lassen sich komplexe Aufgaben eindeutig in Algorithmen abbilden. So denken vielleicht jene, die die Ökonomie wie ein Uhrwerk betrachten. So handeln vielleicht Manager, die ihr Dasein ausschließlich über Kennzahlen herleiten.

Wir brauchen noch Chefs aus Fleisch und Blut – „aber andere“, so Sven Semet von IBM auf re:publica in Berlin.

„Sie müssen orchestrieren können. Sie sollten nicht mit den Bits und Bytes der Mitarbeiter diskutieren, sondern über Netzwerke und Follower handeln.“

Sie sollten sich nicht um das Tagesgeschäft der Woche kümmern, sondern mehr in die Zukunft schauen. Also die strategische Sicht ist entscheidend und nicht die planwirtschaftliche Ausrichtung der eigenen Organisation.

In der Mensch-Maschine-Interaktion, die ja unaufhaltsam in alle Unternehmen einzieht, muss zudem Raum für spontane, überraschende und visionäre Entscheidungen bleiben. Und da kommt es auf Intuition, Charisma und Überzeugungskraft an. Das beschreibt trefflich Wolf Lotter in der Oktober-Ausgabe von brandeins. So zitiert er den kanadischen Strategietheoretiker Henry Mintzberg:

„Planungssysteme denken nicht. Wenn wir von ihnen mehr erwarten, als uns das menschliche Denken zu erleichtern, dann können sie es sogar verhindern.“

In vielen Organisationen meint das Wort „Entwicklung“ nie mehr als die Optimierung von Routinen und das Erreichen von höherer Effizienz:

„Wo Pläne Strategien ersetzen, herrscht dieses Mantra. Alles, was wichtig ist, um die Zukunft zu gestalten, wird mit der aktuellen Belastung durch das Tagesgeschäft abgeblockt“, so Lotter.

Roboter-Chefs sind vielleicht gute Planwirtschaftler. Aber sind sie auch gute Strategen?
Was denkt Ihr?

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