Wenn die Birne glüht, leidet die Wissensarbeit – Cognitive Computing könnte das ändern

“Ein voll aktives Gehirn erbringt Höchstleistungen. Davon ging man bisher aus. Steven Kotler, Gründer des ‘Flow Genome Project’, jedoch stellt klar – das Gegenteil ist der Fall. Aber wie können wir mit kleiner Gehirnaktivität Grosses vollbringen?” Das schreibt das Gottlieb Duttweiler-Institut im heutigen Newsletter.

“Der ehemalige Journalist Steven Kotler fand heraus, dass während eines Runner’s High Hirnströme reduziert werden und in einigen Regionen komplett verschwinden. So pausiert das Schmerzempfinden und unser Selbstgefühl verstummt”, führt das Gottlieb Duttweiler Institut weiter aus.

Freunde, so neu ist die Erkenntnis nicht. Vielleicht sollte man nicht nur bei ehemaligen Journalisten nach solchen Erkenntnissen fahnden, sondern Wissenschaftler befragen, die davon wirklich Ahnung haben. Etwa Professor Henning Scheich, ehemaliger Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg, den ich vor rund acht Jahren (!) zu diesem Thema interviewt habe. Er äußerte sich damals sehr kritisch zum Modethema der Neuro-Ökonomie:

„Man sollte sehr misstrauisch sein gegenüber den Weisheiten, die aus diesem Bereich kommen und zwar insbesondere wenn sie über die Macht der Bilder erzielt werden. Fast alle Medien würden Bilder der Kernspintomographie veröffentlichen. Da taucht ein Fleck im Gehirn auf, also muss das irgendwas bedeuten“, so Scheich.

Da gebe es sehr viel Rattenfängerei. Es sei einfach nicht richtig zu glauben, wenn die Birne aufleuchtet und die Aktivierung im Gehirn größer wird, ein besserer Zustand des Gehirns erreicht werde. Im Gegenteil:

„Große Aktivierung im Gehirn bedeutet Unsicherheit des Gehirns. Wenn Sie Aufgaben untersuchen, wie sie gelöst werden, von unsicherem Status bis zum Profi, dann finden Sie eine negative Korrelation mit der Größe der Hirnaktivierung. Der Profi setzt eigentlich nur noch seine spezifischen Mechanismen für etwas ein“, so der Hinweis von Scheich.

Gehirnjogging mit riesiger Hinaktivierung nachzuweisen, sei Unfug. Die kleine Aktivierung, die beim scharfen Nachdenken von einem Profi produziert werde, das ist die eigentliche Aktivierung, die richtig ist.

Gibt es hier einen Zusammenhang, der für CIOs interessant sein könnte? Aber ja. Und das geht in die Richtung der Anbieter von digitalen Diensten. Sie sollten Programme so konzipieren, damit wir uns auf das Wesentliche konzentrieren können. So hat es beispielsweise der brandeins-Autor Wolf Lotter auf den Punkt gebracht:

„Computer sollten uns die Zeit freischießen, damit wir wirklich Wissensarbeit leisten können.“

Die Software-Industrie habe sich in den vergangenen Jahrzehnten einseitig den Prinzipien des Industriekapitalismus unterworfen und Unternehmen auf Effizienz getrimmt. Das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert, kritisiert Lotter:

“Wir kommen aus der Fabrikgesellschaft, aus der Industriegesellschaft und denken die Digitalisierung immer noch falsch. Wir organisieren uns in den Routinen der Industrialisierung.”

Wir sollten die Digitalisierung nicht mehr im Maschinenkopf denken, sondern wir müssen sie als individuelle Problemlösungsgesellschaft denken. Cognitive Computing sei dabei der richtig Weg, meint Lotter.

„Man macht nicht mehr Routinen und Prozesse zum Mittelpunkt der Informatik, sondern die Unterstützung des individuellen Wissensprozesses.“

Eine Maschine darf nicht im Takt interner Regeln und im eigenen Tempo arbeiten – das macht den Anwender zum Befehlsempfänger. Sie müsste im Gleichklang mit den Denk- und Aktivitätsrhythmen eines Menschen ticken, fordert KI-Analyst Stefan Holtel:

“Dann tritt der Wissensarbeiter in einen wertschöpfenden, kognitiven Dialog mit seiner Denkmaschine und es entsteht auf wundersame Weise eine Symbiose zwischen wissendem Mensch und Wissensmaschine.“

Programmierer sollten sich von den alten Grundsätzen verabschieden und Software nicht mehr nach den Maßstäben der technischen Machbarkeit konzipieren. Wichtiger sei der gelingende Mensch-Maschine-Dialog.

Ein Kommentar

Kommentar verfassen