Warum die vernetzte Ökonomie schlecht gemänätscht wird

Mit welcher Expertise wollen eigentlich Unternehmen in Deutschland digitale Geschäftsmodelle zur Blüte bringen? Über Jahrzehnte rangierte die Informationstechnologie häufig unter der Verantwortung des Finanzvorstandes als Katalysator für die Kostensenkung. In vielen Organisationen ist das auch heute noch so. Letztlich landete man im Tal der Enttäuschungen und leeren Versprechungen. Folge: Auslagerung nach Indien – neudeutsch auch Offshore-Management genannt.

Geschäftsstrategisch laufen IT-Ausgaben immer noch unter dem Regime der Controller. Geniale Nerds sucht man in den Chefetagen vergeblich. Programmierer und Entwickler werden als exotische Hoodie-Trottel verspottet.

„Die Manager der Deutschland AG sind eher durch Anpassung und Duckmäusertum an die Spitze gekommen. Da wird verwaltet, gemänätscht eben – aber nicht erobert. Es wird kostenoptimiert und gedownsized. Hier haben die Controller das Sagen. Wilde technologische Geschäftsideen sucht man bei diesen ‚Spoiled Childs’ vergeblich“, so Netzexperte Michael Zachrau.

Siehe auch: Nicht einmal jeder zehnte DAX-Vorstand hat umfassende Digitalisierungs-Kompetenz

Die Plattformisierung der Wirtschaft

Die kalifornischen Nerds im Tal der radikalen Innovation dringen mit ihren digitalen Geschäftsmodellen und Software-Spielereien in nahezu jede Branche ein, schreiben Björn Bloching, Lars Luck und Thomas Ramge in ihrem neuen Buch „Smart Data“, erschienen im Redline Verlag. Während deutsche Führungskräfte in Meetings digital-transformatorisches Worthülsen-Bullshit-Bingo spielen, klinken sich die amerikanischen Angbots-Aggregatoren und Datenauswerter in die Wertschöpfungsketten der klassischen Unternehmen ein und suchen den direkten Kontakt zu Geschäfts- und Privatkunden. Die drei Smart Data-Autoren nennen das Plattformisierung und Netzwerkeffekte:

„Der Clou an Plattformen in der digitalen Ökonomie ist: Sie können noch schneller und besser skalieren als Hersteller mit großer Marktmacht in klassischen Wertschöpfungsketten.“

Völlig unterschätzt werde eine neue Bugwelle, die auf kleine und große Unternehmen zukommt. TED-Talkern Rachel Botsman nennt das „Collaborative Consumpition“:

„In Management-Etagen wird das Phänomen nach wie vor als Erscheinung mit begrenzter Branchen-Reichweite belächelt, der eigentliche Hebel dahinter wird aber nicht gesehen: Intelligente Kollektive drängen die Mittelsmänner aus der Wertschöpfung heraus – oder rollen wie im Beispiel Uber und Lyft gleich die ganze Branche auf“, erklären Bloching, Luck und Ramge.

Smart Data und eine vernetzte Ökonomie wird es nur geben, wenn Super-Nerds die Agenda von Digital Talks, IT-Gipfeln, Wirtschaftsministerien und Geschäftsstrategien beeinflussen. Dann brauchen wir den Super Nerd-Minister, lieber Stefan.

Wie es um die Digitalkompetenz der Führungskräfte in Deutschland bestellt ist, diskutiere ich heute im Skype-Interview mit Professor Julian Kawohl, Co-Autor der Studie UNTERNEHMERGEIST UND DIGITALKOMPETENZ IM TOPMANAGEMENT. Welche Fragen soll ich in dem Gespräch anschneiden? Wünsche?

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