Netzer, Hidden Champions und die Frage: Können Google & Co. Tiefe? #CIODebatte

In Nischenmärkten sieht der Hidden Champions-Kenner Professor Hermann Simon die größten Überlebenschancen gegenüber den Plattform-Giganten des Silicon Valley:

„Google, Apple, Facebook, Amazon und Co. orientieren sich fast ausnahmslos auf Massenmärkte für Endkunden. Auf dem Markt für Geschäftskunden haben wir eine unendlich große Zahl von Nischenmärkten, die sehr tief gehen. Sie sind für die Netzikonen der USA relativ uninteressant“, so Simon.

Am Beispiel der fünfdimensionalen Software von RIB könne man das gut erkennen. Das Management-Programm für das Bauwesen erschließt nicht nur die drei Raum-Dimensionen, sondern auch Kosten und Zeit.

„Das ist ein sehr kleiner Markt und nicht besonders spektakulär für Konzerne wie Google. Selbst die besten Programmierer in Kalifornien haben von diesen Anwendungen keine Ahnung. Das Wissen ist so einmalig, dass es sich für digitale Plattformen nur mit einem hohen Aufwand erschließen lässt, um vernünftige Umsätze zu erschließen“, betont Simon.

Die Nische sei zu klein für die großen Plattformen. Aber es ist wohl nicht nur die Frage der Größe, sondern wohl eher die Herausforderung der Tiefe, die man eben nicht auf Snapchat-Niveau bedienen kann. Da braucht man mehr Wissen, mehr Kompetenz. Und da wären wir dann bei Günter Netzer, den der frühere FAZ-Redakteur Karl Heinz Bohrer nach dem EM-Halbfinal-Hinspiel 1972 in Wembley geadelt hatte (was dem Gladbach-Fan Stefan Pfeiffer bestimmt wie Öl runtergeht):

„Der aus der Tiefe des Raumes plötzlich vorstoßende Netzer hatte ,thrill‘. ,Thrill‘, das ist das Ergebnis, das nicht erwartete Manöver; das ist die Verwandlung von Geometrie in Energie, die vor Glück wahnsinnig machende Explosion im Strafraum, ,thrill‘, das ist die Vollstreckung schlechthin, der Anfang und das Ende. ,Thrill‘ ist Wembley.“

Welchen thrill können Unternehmen in Deutschland – etwa bei der autonomen Mobilität? Und hier geht es nicht um einen Nischenmarkt.

Zumindest bei den Patenten haben deutsche Unternehmen wohl die Nase vorn.

Vielleicht sollten wir in den Digitaldebatten unseren Blickwinkel schärfen. So sieht es der Mittelstandsexperte Marco Petracca: Wer ständig nur über Snapchat trällert, kommuniziere an der Bedarfslage und Lebensrealität der Wirtschaft vorbei. Ein Maschinenhersteller, der Sensoren einführt, in den Lieferketten auf Künstliche Intelligenz setzt und bei der Produktion auf komplexe Software angewiesen ist, könne mit dem Beraterquatsch auf Selfie-Niveau nichts anfangen.

Mittelstand und Digitalisierung

Marco Petracca über die digital-transformatorischen Dampfplauderer und Angstmacher #prmagazin

Posted by Ichsagmal.com-Gespräche on Freitag, 11. August 2017

„Wenn da ein Heiopei um die Ecke kommt, der noch nie in der Fertigungshalle gestanden hat und irgendetwas von verpassten Chancen in der Digitalisierung absondert, ist das nicht sehr glaubwürdig“, kritisiert Petracca.

Es gebe zwar besonders im industriellen Mittelstand eine stoische Haltung, sich neuen Themen zu öffnen, aber die wird nicht aufgebrochen mit Beispielen aus der Privatkunden-Ecke.

„Es gibt Sanitärausstatter, die ihren Kunden 3-D-Brillen geben, um neue Badezimmer virtuell betrachten zu können. So ein Mann will nicht die neueste Facebook-VR-Technik um die Ohren gekloppt bekommen. Der denkt in kleineren Dimensionen.“

In der Netzszene werde aber immer nur das große Rad gedreht – von Storytelling bis 4K-Videos. Kleine und mittelständische Betriebe könnten damit nichts anfangen.

Wo sind wir gut in der Tiefe? Das könnten wir in unseren Interviews zur #CIODebatte doch mal aufgreifen.

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