Ich weiß, ich bin jetzt nicht management-konform, aber dieser Beitrag von Andreas Seitz spricht mir in vielerlei Beziehung aus dem Herzen. Auch ich habe den Eindruck, dass mal wieder eine Sau durchs Dorf getrieben wird, statt an die Ursachen zu gehen. Und um es vorweg zu sagen: Ich glaube an die Prinzipien, die beispielsweise in dieser Infografik behandelt werden, aber einerseits müssen sie wirklich gelebt werden und andererseits galten und gelten sie meiner Meinung nach auch bevor und jenseits der Agile-manie.

Hier einige Zitate, die mich mit der Zunge schnalzen lassen:

Die Unternehmen sind voll von agilen Coaches und agilen Führungskräften, und alle sind in agilen Märkten mit agilen Wettbewerbern unterwegs. Agile Autoren schreiben agile Ratgeberbücher.

Alles wird agilisiert, bis zur Verzerrung. Fast verzweifelt erzählen Konzernmenschen vom Agilitätsmantra ihrer Chefs, deren eigene Agilität sich aber zumeist auf Auftritte in Jeans und Turnschuhen beschränkt. Forever young kann tragisch sein – auch wenn in Berliner Cafés Mitfünfziger auf ihrem Macbook an der neuen digitalen Welt schrauben. Das ist allenfalls bieder. Bewahrend statt aufbrechend. …

via Agilität: Warum der Management-Hype zu kurz greift – manager magazin

Als selber Mitfünfziger gehen mir die falschen Fuffziger ziemlich auf die Nerven, die der neuesten Management-Methodik hinterher laufen, aber selber nicht bereit sind, Macht abzugeben und die eigenen Verhaltensweisen zu ändern. Wie Seitz schreibt: Scrum oder Design Thinking machen Sinn, aber nur dann wenn sich Haltung und das Verhalten von Mitarbeitern und vor allem Führungskräften verändert! Seitz fordert auf, hinter die Buzzwords zu schauen:

Wahre Agile ist vor allem eins: Der Wunsch nach einer lebendigen, pulsierenden Zusammenarbeit, die uns zu Schnellbooten macht statt zu trägen Tankern.

Ob „wir“ – wie Seitz schreibt – alle wirklich Dynamik und Veränderung wollen, sei dahingestellt. Ich habe da so meine Zweifel. Dass sich aberUnternehmen gerade in der heutigen Zeit – Buzzword digitale Transformation – verändern müssen, steht für mich außer Frage.

Und auch wenn die Agilitätswelle schon längst über uns drüber geschwappt ist und die nächste Sau durchs Dorf getrieben wird: Wir brauchen jenseits vermeintlicher Managementmoden den Willen zur Veränderung und eine Vertrauenskultur im Unternehmen, vielleicht gar mit Partnern und Kunden. Wir brauchen die Bereitschaft, festgefahrene Strukturen aufzubrechen, quer zu denken und zu handeln. Und wir benötigen den Willen und langen Atem, immer wieder und immer weiter die menschlichen Bremsklötze zu überzeugen und die systemimmanenten Stoppschilder zur Seite zu räumen. All dies sollte, ja muss absolute Priorität haben. Sonst können wir uns die Agilität wohin schm… Und erst wenn wir uns dessen bewusst sind, dann werden Design Thinking-Workshops, Working out Loud-Prinzipien und Projektmanagement mit Scrum-Master wirklich Erfolg haben. Ohne den beschriebenen Willen zur Veränderung sind sie nur Modetrend.

(Stefan Pfeiffer)

Posted by Stefan Pfeiffer

Stefan Pfeiffer ist seit 2007 bei der IBM in verschiedenen Marketingpositionen tätig. Als gelernter Journalist hat er natürlich eine Leidenschaft für das Schreiben, die er hier im CIO Kurator, aber auch in seinem persönlichen Blog DigitalNaiv auslebt. Seine inhaltliche Leidenschaft im IT-Umfeld gilt dem digitalen Arbeitsplatz, dem Digital Workplace. Auf Twitter ist er als @DigitalNaiv „erreichbar“.

One Comment

  1. Dem kann man nur zustimmen!
    Agilität ist zwar durch ein Gebot der Stunde, aber bei weitem nicht überall. Wie bei allen Buzz-Words gilt auch hier: aufgeschnappt und breitgetreten, gelten sie schnell als Allheilmittel eines jeden Problems.
    Dabei ist die Sache doch eigentlich recht einfach: bestimmte Teile des Geschäfts, vor allem jene, die nahe am Markt und an den Kunden operieren, wo viel Kreativität und Innovation angesagt sind, profitieren definitiv von mehr Agilität – von agilen Methoden, flexiblen Strukturen, dynamisierten Prozessen und einem entsprechenden Mindset der Mitarbeiter und Führung.
    ABER: es gibt weiterhin weite Teile der Wertschöpfung, wo hoch-standardisierte Arbeit und effiziente Prozesse der bessere Weg sind, um Kosten und Output zu optimieren. Leider machen sich die wenigsten die Mühe, hier sauber zu differenzieren. Im Kern geht es immer um eine ganzheitliche, strategiegeleitete Weiterentwicklung der Organisation, des (Governance-) Systems. Wird das versäumt, springt man zu kurz und die gewünschten nachhaltigen Erfolge stellen sich nicht ein.

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