Professor Simon über Nischenmärkte in der Plattform-Ökonomie

Wie sollte sich der deutsche Mittelstand in der Plattform-Ökonomie und gegenüber den Silicon Valley-Konzernen positionieren?

„Google, Apple, Facebook, Amazon und Co. orientieren sich fast ausnahmslos auf Massenmärkte für Endkunden. Auf dem Markt für Geschäftskunden haben wir eine unendlich große Zahl von Nischenmärkten, die sehr tief gehen. Sie sind für die Netzikonen der USA relativ uninteressant“, so der Wirtschaftsexperte Professor Hermann Simon.

Am Beispiel der fünfdimensionalen Software von RIB könne man das gut erkennen. Das Management-Programm für das Bauwesen erschließt nicht nur die drei Raum-Dimensionen, sondern auch Kosten und Zeit.

„Das ist ein sehr kleiner Markt und nicht besonders spektakulär für Konzerne wie Google. Selbst die besten Programmierer in Kalifornien haben von diesen Anwendungen keine Ahnung. Das Wissen ist so einmalig, dass es sich für digitale Plattformen nur mit einem hohen Aufwand erschließen lässt, um vernünftige Umsätze zu erschließen“, betont Simon.

Die Nische sei zu klein für die großen Plattformen. Wer als Mittelständler in diesen spezialisierten Segmenten überleben will, müsse allerdings den gesamten Weltmarkt bedienen.

„Deutsche Unternehmen müssen also auch in Zukunft auf Export setzen. Die Struktur unserer Wirtschaft ist auf die internationalen Märkte ausgerichtet“, erläutert der Strategieforscher.

Mittelstand ist Erfolgsgarant im internationalen Geschäft

Die starke Exportperformance der deutschen Wirtschaft sei nicht primär auf Großunternehmen zurückzuführen ist. Denn diese unterscheiden sich nicht grundlegend von ihren internationalen Wettbewerbern. In 2010 stellten die USA 133 und Japan 68 Fortune-Global-500-Unternehmen, doppelt so viele wie Deutschland mit 34.

„Sogar Frankreich hat 35 dieser großen Firmen, die zudem häufiger Weltmarktführer und im Gesamtumsatz 91 Milliarden Dollar größer sind als ihre deutschen Pendants. In Deutschland haben wir relativ wenige international herausragende Großunternehmen“, sagt Simon.

Dazu zählen Siemens, SAP, Volkswagen und BASF.

„Großunternehmen, die sehr viel exportieren und weltweit aktiv sind, gibt es in allen hoch entwickelten Industrieländern – und zwar in größerer Zahl als bei uns. Und dennoch schneiden diese Länder im Export schwach ab. Die 1986 mit Professor Levitt gestartete Diskussion und jahrelange Recherchen bestätigen immer wieder, dass die Quellen der nachhaltigen deutschen Exportstärke bei den mittleren und den kleineren Firmen zu suchen sind“, betont Simon.

Ausländische Führungskräfte fehlen

Schwächen sieht er allerdings bei der Internationalisierung des Topmanagements der Hidden Champions. Knapp die Hälfte dieser Unternehmen setzt auf Führungskräfte, die aus der Familie der Inhaber stammen. Zudem sind die Führungsteams in der Regel sehr klein, typischerweise handelt es sich um zwei bis drei, an der Obergrenze um fünf Personen. Es stehen also weniger Posten als in Großunternehmen zur Verfügung. Diese kleinen Führungsteams sind aufeinander eingespielt, ihre Zusammenarbeit basiert auf gemeinsamen Kulturfundamenten, weiß Simon. Die ländliche Umgebung der Firmenzentralen sieht er als weiteres Hindernis bei der Ansiedlung und Integration von ausländischen Führungskräften.

Die Internationalisierung der Geschäfte, der Mitarbeiter und des Managements verlaufe nicht synchron, sondern zeitversetzt. Die Umsätze internationalisieren sich als Erstes, dann folgen die Mitarbeiter, danach kommt die erweiterte Managementgruppe, und erst am Schluss, mit einer Verzögerung von durchaus ein bis zwei Generationen, werden die Posten im Topmanagement mit Personen aus verschiedenen Kulturen und Ländern besetzt.

„In den ersten drei Phasen sind die Hidden Champions weit fortgeschritten. Die Vollendung der vierten Phase wird noch lange dauern und von Firma zu Firma verschieden ausfallen“, prognostiziert Simon.

4 Kommentare

  • Einwand von Professor Lutz Becker: Digitalität bedeutet Flexibilität, zudem gibt es indirekte Effekte. Digitale Größenvorteile kann man auch in kleinen Nischen realisieren. Ich würde mich heute in keiner Nische wirklich sicher fühlen. Sind die Kolbenring-und Ventil-Hersteller denn keine potenziellen Opfer der Digitalisierung?

  • Pingback: Industrielles Internet als Rettungsanker für den deutschen Mittelstand? #Sommerinterview #Industrie40 -  CIO Kurator 

  • Andreas Stiehler

    Spannende Thesen. Bin dennoch skeptisch, ob die Nischentheorie dauerhaft trägt.
    Klar fokussieren die großen Plattformen zunächst auf die Quick Wins. Wenn diese realisiert sind, werden sie sich – ggf. mit etwas geringeren Gewinnerwartungen – den Nischensegmenten zuwenden.

    Fraglich ist auch, wer bei den immer wichtigeren digitalen Ökosystemen die Nase vorne hat. Letztlich folgt auf jedem B2B2…irgendwann ein C. Aus dieser Perspektive sehe ich schon das Risiko, dass die „Hidden Champions“ von den großen Plattformen letztlich zu Zulieferern degradiert werden.

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