Wahlster zur KI: „Google, Intel & Co. kommen nach Deutschland, weil es in den USA zu viele Marktschreier gibt“

Bei den Debatten über die Macht und Verführungskraft von Algorithmen, Big Data, Neuro-Kleckskunde und Künstlicher Intelligenz fällt mir immer wieder auf, dass Kritiker und Gurus im selben Teich der Übertreibungen schwimmen.

Dahinter stecken Träume, Horrorszenarien und schlichtweg Anmaßung, wie bei einigen selbst ernannten Gurus der Künstlichen Intelligenz, die noch nicht einmal in der Lage sind, künstliche Gehirne von Kleinkrebsen nachzubauen oder gar zu verstehen. Biologen versuchen das nun seit 30 Jahren – ohne Erfolg. Das Kleinstgehirn des Krabbeltierchens besteht gerade mal aus 30 Millionen Neuronen und ist für die Kontrolle des Verdauungstraktes zuständig. Man hat bis heute nicht verstanden, wie das funktioniert.

Die Nachbildung eines menschenähnlichen Gehirns ist nach Ausführungen von Christoph Kappes schon aufgrund der Zahl der Elemente in weiter Ferne – das Gehirn hat 10 hoch 11 Neuronen. Wie kann man ein komplexes System simulieren, das man noch nicht einmal in Ansätzen versteht, fragt sich der Biologe Holk Cruse. Im milliardenschweren Human Brain Project der EU wolle man diese Simulation von der Synapse bis zu den Genen realisieren:

„Das wird man nicht schaffen“, sagt Cruse.

Humanoide Maschinen sind Hirngespinste von Science-Fiction-Autoren, Wissenschaftlern und Journalisten, die einem mechanistischen Weltbild hinterherlaufen. Sie bestätigen im Grunde die verkaufsfördernde These der Big-Data-Gurus, der Mensch lasse sich zur Maschine degradieren und könne wie eine Maschine gesteuert werden.

KI-Pionier Joseph Weizenbaum

Mit Professor Joseph Weizenbaum und Professor Wolfgang Wahlster disputierten vor einigen Jahren im Berliner Estrel Hotel in einer von mir organisierten Talk-Runde zwei der profiliertesten Informatiker über Chancen und Grenzen der Mensch-Maschine-Kommunikation. Weizenbaum, der in den 60er-Jahren zu den bahnbrechenden Forschern auf dem Gebiet der Informatik zählte und unter anderem am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitete, stellte sich im Lauf seiner Karriere immer kritischere Fragen über die gesellschaftlichen Folgen der Fortschritte in der Computertechnik. Was ihn im Kern immer mehr bewegte, war die Frage nach der Wechselwirkung zwischen technischer Entwicklung und gesellschaftlichen Veränderungen. Sein Hauptvorwurf:

„Die Extremisten, die Ideologen der Künstlichen Intelligenz, versuchen, Gott zu spielen. Da muss man von Größenwahn, buchstäblich von Wahnsinn sprechen.“

Wolfgang Wahlster, Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken und einziges deutsches Mitglied des Nobelpreiskomitees, spricht hingegen von einer „Informatik für den Menschen“: Eine der wichtigsten Herausforderungen für die zukünftige Wissensgesellschaft sei die Schaffung intelligenter Technologien für die Mensch-Technik-Interaktion, die den natürlichen Kommunikationsstil von Technik-Laien akzeptieren, einen direkten Dialog mit der Technik unterstützen und damit Hemmschwellen bei der Nutzung von Hochtechnologie abbauen.

„Semantische Technologien überbrücken die Lücke zwischen der Fachsprache der Informatik und den Sprachen ihrer Anwender, weil sie es erlauben, verschiedene Begriffssysteme ohne Bedeutungsverlust ineinander zu übersetzen. Automobilingenieure, Medizintechniker oder Logistikexperten sind mit semantischen Technologien in der Lage, sein Wissen und seine Prozessmodelle digital in der eigenen Fachsprache zu formulieren, ohne die speziellen künstlichen Sprachen zur maschinellen Wissensrepräsentation erlernen zu müssen“, betonte Wahlster in Berlin.

Der Computer, die Maschine müsse im Kommunikationsverhalten dem Menschen entgegenkommen, ist Wahlster überzeugt. Eine Weltherrschaft der Künstlichen Intelligenz sei nicht angebrochen, dafür seien in den vergangenen Jahrzehnten allerdings einige wichtige und nützliche Durchbruchinnovationen gelungen. So konnte ein Computer den Schachweltmeister schlagen, Roboter könnten autonom den Mars explorieren und ein fahrerloses Auto fahre durch unbekanntes Gelände.

Zweifellos habe die KI in Deutschland ingenieurwissenschaftliche Methoden entwickelt, die in innovativen Informatikanwendungen nicht wegzudenken seien. Gerade auf dem Gebiet des Sprach- und Bildverstehens spiele die deutsche Informatik seit vielen Jahren weltweit in der ersten Liga. Neben dem Gebiet der Mensch-Technik-Interaktion habe Deutschland in der Robotik, insbesondere der Service-Robotik die Nase vorn.

„Mein Ausgangspunkt ist der Mensch“, so die Position des inzwischen verstorbenen Informatikveteranen Weizenbaum. Der „Pionier, Dissident und Computerguru“ der KI-Forschung stellte den Begriff des „Verstehens“ infrage:

„Heute ist es Mode geworden, über ‚computer understanding of natural language’ zu sprechen. Dem Computer soll also beigebracht werden, die natürliche Sprache – zum Beispiel Deutsch oder Englisch – und nicht nur die künstlichen Sprachen wie eben spezifische Computersprachen zu verstehen. Das beinhaltet die Idee, dass ein Satz eine bestimmte Bedeutung hat.“

Maschinen fehle aber der menschliche Erlebnishintergrund.

Vielleicht sollten die KI-Forscher generell etwas weniger prahlerisch über ihre Projekte kommunizieren und den pragmatischen Nutzen in den Vordergrund stellen. Das steigert die Akzeptanz.

Auf der Cebit im vergangenen Jahr legte Wahlster in seiner Abgrenzung zu den USA noch einige Argumente nach. Von der menschlichen Intelligenz seien wir Lichtjahre entfernt. Dennoch gebe es einige Personen auf der anderen Atlantik-Seite, die gar nicht so sehr in der KI-Forschung tätig sind, aber um so stärker eine Marketing-Maschine bedienen und dabei zum Teil pseudo-wissenschaftlich agieren. Dazu zähle Ray Kurzweil, der verrückte Thesen ohne eine gewisse Substanz vorlegt. Das habe Folgen:

„Das größte KI-Zentrum findet man nicht mehr in den USA, sondern mit dem DFKI in Deutschland. Dass liegt daran, dass wir versuchen, als Ingenieure auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben. Wir definieren KI als künftige Informatik. Wir gehen an das Limit des Machbaren. Wir machen keine falschen Versprechen an die Industrie oder an den Staat. Wir bleiben auf dem Teppich. Das hat sich bewährt“, so Wahlster im Gespräch mit dem Technoloy Review-Chefredakteur Robert Thielicke.

Man sollte sich davor hüten, extrem überzogene Hoffnungen zu wecken, die dann nur Enttäuschungen hervorrufen.

„Google, Intel & Co. kommen nach Deutschland, weil es in den USA zu viele Marktschreier gibt. Die nehmen die Klappe zu voll. Die deutsche Mentalität ist zurückhaltender und pragmatischer“, resümiert Wahlster.

Wir werden in nächster Zeit die pragmatischen KI-Projekte in Deutschland näher beleuchten und mit den USA vergleichen. Battle: Pragmatiker versus Marktschreier.

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