Mechanistische Weiterbildung bringt nichts

Der Glaube an die simple Mechanisierbarkeit von Wissenserwerb bekommt nach Ansicht von Stefan Hell ein paar Kratzer, wenn man sich die einschlägigen Untersuchungen des Lernverhaltens von Unternehmensmitarbeitern ansieht. Über 70 Prozent der Befragten halten danach die Lernmaßnahmen ihres Unternehmens trotz steigender Investitionen für völlig ineffizient und fast ebenso viele sehen sich von einer nicht navigierbaren Flut von Informationen überwältigt.

Könnte es also sein, dass die bestehende Weiterbildungslandschaft nicht Teil der Lösung, sondern eher Teil des Problems geworden ist?

“Und ist sie somit selbst reif für eine digitale Disruption geworden”, fragt sich Hell in einem Think Blog-Beitrag.

Konstruktivistische Lerntheorien, die durch die Hirnforschung zunehmend bestätigt werden, zeigen seit langem, dass Lernen und Wissenserwerb ein hochindividueller Prozess sei, dessen Ergebnis gar nicht wirklich von außen determiniert werden kann.

Eine Lernumgebung für Mitarbeiter müsse deshalb drei wesentliche Kriterien erfüllen:

“Persönliche Angebote, die auf Erfahrungshintergrund, vergangene Nutzungsmuster, individuelle Präferenzen und Lernstile, sowie die aktuelle Bedarfslage abgestimmt wurden, sind Bedingung für ein effizientes und erfolgversprechendes Lernen. Dies gilt gleichermaßen für die Berücksichtigung des aktuellen Aufenthaltsortes, des beruflichen Kontextes sowie der jeweils verfügbaren technischen Zugangsmedien”, schreibt Hell.

Angesichts der Flut, immer neuer Informationen und der Vielzahl der Angebote, die aus unterschiedlichsten Quellen stammen, müssten dem Lerner zunehmend Orientierungshilfen geboten werden. Sie sollten ihm helfen zu selektieren, welche Lerninhalte gerade für seinen Job Priorität haben und was für die persönliche Weiterentwicklung wichtig ist.

Ein selbstbestimmter Lernansatz erfordert zudem auch die Möglichkeit, eigenmotiviert
Lernziele zu setzen oder verzweigten nicht vorher antizipierten Lernpfaden zu folgen, um von einem Lern-Nugget zum nächsten immer tiefer in einen Themenkomplex einzutauchen.

Es werde schnell klar, dass traditionelle Learning Management Systeme (LMS) mit ihren fest paketierten Lerninhalten und starren Zuweisungsmechanismen diesen Anforderungen entgegenstehen.

Wie wäre es denn mit dem Konzept “Your Learning”?

Da auch CIOs vor sehr komplexen Aufgaben stehen und Bedarf an Weiterbildung besteht, sollten die Personalentwickler über neue Konzepte der Wissensvermittlung nachdenken. Themen gibt es genug. Siehe meine Kolumne “CIOs als Avantgarde der Digitalisierung”.

Auszug: Damit Unternehmen und CIOs zur Avantgarde der Digitalisierung aufsteigen, reicht es nach Ansicht von Axel Oppermann nicht mehr aus, „Cloud first, Mobile first“ zu proklamieren. „AI first“ ist gefragt. Heute müsse es um eine erweiternde Intelligenz gehen. Cloud und Mobile seien dann nur noch unterstützende Aktivitäten: „Automatisierung, Beschleunigung, Co-Existenz von Algorithmus und Mensch. Das Zusammenspiel von Mensch und Maschine, die Kompensation von Mensch durch Maschine. Substitutionseffekte durch neue Maschinen. Das sind die Themen, mit denen sich Unternehmenslenker, CIOs, Betriebsräte, aber auch IT-Pros beschäftigen müssen. Auf dieser Basis werden neue Geschäftsmodelle geboren; das ist die DNA der Zukunft“, schreibt Oppermann in einem CIO-Kurator-Beitrag.

Der CIO stehe in der Pflicht, ein Umfeld für sich und das Unternehmen zu schaffen, das diese Anforderungen erfüllt. Das Notiz-Amt sieht hier einen gewaltigen Qualifizierungsbedarf.

One comment

  • Kommentar auf Facebook:

    In bestimmten Situationen kann mechanistisches Lernen sinnvoll sein. Dennoch ist es absurd, wie viele Unternehmen alles Lernen auf diese Weise rationalisieren. Du kennst ja mein Mantra: Das Format muss zum Problem passen. Ich erlebe das immer wieder in meinen Seminaren. Input ist als Fundament okay, aber in den Break Out Sessions und den Pausen diskutieren sich die Teilnehmer die Köpfe heiß. Dann setzt sich das Gelernte, es wird neu kontextualisiert, mit den Erfahrungen der Teilnehmer abgeglichen und durch dieses “emergente” Lernen wird dann ein Schuh daraus. Ich denke, dass viel mehr Unternehmen den Mut brauchen, ihre Mitarbeiter auf offene Seminare zu schicken. Viele haben Angst, dass die Mitarbeiter ihre Geschäftsgeheimnisse ausplaudern (Quatsch!) oder in den Moment nicht produktiv sind (erst recht Quatsch)!

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