Krücken sind für Kranke – Agil ist für die, die vorankommen wollen

Mit der Veröffentlichung von „Zwischenruf im Echoraum! Design Thinking als nützliche Krücke“ hat Andreas Stiehler von PAC interessante Themen angepackt und ein bisschen diskussionswürdige Würze hinzugetan. Natürlich ist Würze auch immer etwas Provokantes im Geschmacksraum der Erfahrungen. Grundlegend möchte ich Herrn Stiehler im Stile von „Das ist eine großartige Idee, die noch besser wird mit …“, der Weg gegensätzlich Meinungen oder Auffassungen in die eigenen Überlegungen einzubauen. Drum versuche ich hier also gleich mal gemäß des Design Thinking Ansatz, dieses Vorgehen sinnvoll umzusetzen.

Design Thinking und Agil

Selbstverständlich kann ich klar nachvollziehen, dass das Label agil sehr verschwenderisch genutzt wird. Viele Dinge sind heute agil. Sogar ganze Großkonzerne sind den eigenen Aussagen nach agil. Man trifft also auf Agil hier und dort.

Die-Fahrradtaschen-des-amerikanischen-Unternehmens-Fyxation-eignen-sich-fuer-den-Transport-eines-Sixpack-BierSelbstverständlich ist Design Thinking als agile Methode zu betrachten, dennoch macht es ein wenig den Anschein, dass dann die Wahrnehmung von agilen Methoden schon aufhört. Und hier muss ich sagen: Nein. Design Thinking mag ein populäres Methodenset sein, dass Agilität innehat aber es ist nicht das Agile.

Als allererstes sollte man immer das Warum einer Methode betrachten. Warum wende ich Design Thinking an? Aus meiner Sicht ist es eine Herangehensweise, Herausforderungen, Probleme und Fragestellungen zu klären, die wir einst im stillen Kämmerlein gemutmaßt haben und dann auf die Realität losgelassen haben. Die Lösung lief dann erfahrungsgemäß immer an der Realität vorbei. Design Thinking nimmt also den Träger der Herausforderung in den Mittelpunkt und versucht einen Weg passend für den Menschen zu finden.

342HAgil ist die Methode Design Thinking, weil sie Iterationen und schnelle Anpassungen zulässt. Dadurch, dass ich immer wieder die Möglichkeit habe an bestimmten Punkten des Methodenprozesses Änderungen, Neuerungen oder sogar Umdenken einzubringen, schaffe ich eine agile Methode. Die Agilität sitzt in kleine, schnelle, vielen Schritten, die ich machen kann.

Design Thinking ist vor allem nicht die agile Methode. Dafür gibt es genügend andere und vor allem gut etablierte Methoden und Arbeitsweisen, die zeigen, dass Agil funktioniert und zwar nicht nur als Krücke, sondern als neue Arbeitsweise. Design Thinking ist aber genauso wenig eine Krücke. Die Methode funktioniert aber nicht aufgrund ihrer Agilität, sondern vor allem durch Menschenfokus und das Zusammenbringen von Teams unterschiedlicher Funktionen.

Working out Loud und Agil

Die Idee ist schön zu sagen, dass Working out Loud agil ist. Hier fällt es mir jedoch schwer, dass einzuordnen. Vor allem ist Working out Loud eine Erfahrungsmethode. Wenn man so möchte, ist sie eine sehr praktisch orientierte Lernmethode. Dazu habe ich mich schon im letzten Blogpost geäußert. Sicherlich lassen sich agile Momente ausmachen. Aber dennoch passt die Klassifizierung für Working out Loud nicht.

photo_16858_20100228Da ich das Bild der Krücke nicht passend finde, aber dennoch den Gedanken verstehe, würde ich die Erkenntnis von Herrn Stiehler eher beim Working out Loud verorten. Die Methode ist ein Weg, das neue Denken, Arbeiten und vor allem Zusammenarbeiten zu erlernen und sicherlich wird die Methode in diesem Sinne auch den eigenen Zenit überschreiten, dennoch zeigt sie vor allem hinsichtlich lernen und wie wir lernen, dass es vieles zu verändert gilt.

Das klassische Change Management geht immer noch davon aus, dass sich Menschen mit genug Input verändern lassen. Nur oft genug in einem Raum sitzen und den tollen Messages zuhören, wird die Veränderung bringen. Die Erkenntnis sollten wir mittlerweile alle habe, dass es nicht funktioniert. Es kann helfen aber es wird nie verändern.

Working out Loud zeigt hier als Methode, dass Lernen in Gemeinschaften und vor allem gemeinsam einfacher, schneller und vor allem nachhaltiger funktioniert. Dementsprechend würde ich sogar behaupten, dass Working out Loud nicht als solches immer da sein wird, aber es wird das Lernen und Erfahren verändern und somit auch als Lernmethode fortbestand haben.

Trashcan of Shred

Trashcan with shredded documents.

Erfahrungen machen und das Wozu kennen

Das wichtigste habe ich mir zum Schluss gelassen. Herr Stiehler führt zwei Beispiele aus seiner Umgebung auf, die sich mit Design Thinking beschäftigt haben. Was ich spannend fand, ist die Meinung des Software-Ingenieurs. Selbstverständlich ist die Methode Design Thinking für ihn nicht agil. Softwareentwicklung ist mittlerweile ein fortlaufender Prozess, der in vielen Fällen mit tatsächlichen agilen Methoden wie SCRUM umgesetzt wird. Und damit lässt sich Design Thinking schwerlich vergleichen. Vielmehr muss man die beiden im Zusammenhang sehen. Design Thinking nähert sich dem kleinstmöglichen funktionierenden Produkt (Prototyp, Präprototyp) und schafft die Grundlagen für SCRUM Epics und Stories. Die eine Methode schafft die Voraussetzung für das agile Arbeiten mit der anderen Methode.

Mein Appel soll hier vor allem sein, sich mit Agilität auf den unterschiedlichsten Ebenen auseinanderzusetzen:

  • Organisation
  • Arbeitsorganisation
  • Collaboration
  • Individualarbeit

Vor allem aber sollte das Ausprobieren und Machen im Vordergrund stehen. Die Erlebnisse und Erfahrungen, die man mit den unterschiedlichsten Methoden und besonders mit den agilen macht, sind sehr erhellend. Es bleibt zu hoffen, dass wir es schaffen, dass Agil Alltag wird. Aber bis dahin sollten wir vorankommen und nicht mit Krücken laufen.

5 comments

  • Andreas Stiehler

    Vielen Dank für die Klarstellungen im Kommentar zum Kommentar, Herr Thielke!

    Ich stimme Ihnen zu: Man (ich) muss mit dem Pauschalisieren bei Thema Agilität etwas vorsichtiger sein – und hier insbesondere die verschiedenen Ebenen berücksichtigen. Die “nützliche Krücke” ist als Bildnis für ein “vorübergehendes Hilfsmittel” gedacht …und sollte die Methoden keinesfalls diskreditieren. Das geht – hoffe ich – auch aus dem Kommentar hervor.

    Viele Grüße,
    Andreas Stiehler

    • Sebastian Thielke

      Das ist ja de gute Punkt. Der Beitrag ist immer als Idee zu sehen und von der Warte läßt sich eine Idee auch immer in Sinne des Design Thinking weiterdenken. Daher war es mir wichtig, dass die richtigen Ebenen betrachtet werden. Und unsere Diskussion trägt ja dazu bei, dass sich die Aussagen klären.

      Mir ist immer wichtig, dass solche Methoden eben auch von der Erfahrungsseite betrachtet werden. Es ist ein leichtes die Methode zu beschreiben aber sie nach der Erfahrung und der Praxis einzusortieren, ist noch einmal eine andere Herausforderung.

  • Pingback: Working Out Loud bei Bosch und überhaupt die ganze Diskussion – CIO Kurator

  • Sigi Lautenbacher

    Lieber Sebastian.. Das Wozu ist eine Finalität.. Eine Herangehensweise ist nicht final. Ersetze “Wozu” mit “Warum” und deine Begründung flutscht besser.

    “Wozu wende ich Design Thinking an? Aus meiner Sicht ist es eine Herangehensweise, Herausforderungen, Probleme und Fragestellungen zu klären, die wir einst im stillen Kämmerlein gemutmaßt haben und dann auf die Realität losgelassen haben. Die Lösung lief dann erfahrungsgemäß immer an der Realität vorbei. Design Thinking nimmt also den Träger der Herausforderung in den Mittelpunkt und versucht einen Weg passend für den Menschen zu finden.”

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